Vermischtes

Vermisstenfall Maria Landgericht Freiburg verhängt sechs Jahre Haft

Jahrelang verschollen, sexuell missbraucht

Freiburg.Nach dem Urteil trennen sich ihre Wege endgültig. Der 58 Jahre alte Mann aus Blomberg (Nordrhein-Westfalen) wird in Handschellen ins Gefängnis gebracht. Maria, heute 19, aus Freiburg geht zurück zu ihrer Familie. Mit dem Urteil am Dienstag vor dem Landgericht Freiburg endet das Strafverfahren in einem ungewöhnlichen Vermisstenfall. Der Mann, der mit Maria mehr als fünf Jahre lang untergetaucht war, wird zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren verurteilt.

Die 19-Jährige, die ihm im Gerichtssaal gegenübersitzt, nimmt das Urteil äußerlich regungslos zur Kenntnis. Kommentieren mag sie es, als sie später gefragt wird, nicht. Der Mann sucht, wie oft während des Prozesses, Blickkontakt. Doch Maria schaut nicht in seine Richtung.

Über Osteuropa nach Italien

Die Vorwürfe der Anklage haben sich in dem Strafprozess weitgehend bestätigt, sagt der Vorsitzende Richter Arne Wiemann in der Urteilsbegründung. Maria, damals 13, war demnach im Mai 2013 zu Hause in Freiburg ausgerissen – gemeinsam mit dem Mann, den sie knapp zwei Jahre zuvor im Internet kennengelernt hatte. Der verheiratete Familienvater habe sich in Chats anfangs als Teenager ausgegeben. Ihre Mutter ahnte davon nichts.

Die Reise ging mit dem Zelt durch Osteuropa nach Italien. Die vergangenen zwei Jahre lebte das Paar in einer Wohnung in der Küstenstadt Licata in Sizilien. Mit Gelegenheitsjobs finanzierten sie ihr Leben. Maria, die in Freiburg ein Gymnasium besucht hatte, musste im Auftrag des Mannes betteln gehen, stellt das Gericht fest. Sie lebte isoliert, eine Schule besuchte sie nicht. Auch der Zugang zum Internet blieb ihr verwehrt.

Erst kurz bevor sie 18 Jahre alt wurde, ging sie nach eigenen Worten heimlich ins Internet. Dort sah sie, dass ihre Familie noch immer nach ihr suchte. Sie entschloss sich im August vergangenen Jahres zur Flucht. Wenig später wurde der Mann in Italien festgenommen.

„Der nun Verurteilte hat mehrfach betont, dass er Mariabis heute liebt“, sagt der Richter. Es habe eine „Fixierung aufeinander bei einem krassen Altersunterschied gegeben“. Der verheiratete und nicht vorbestrafte Familienvater habe „in höchstem Maß egoistisch und unverantwortlich“ gehandelt. Er habe die Minderjährige in mehr als 100 Fällen sexuell missbraucht. Zudem handele es sich um einen schweren Fall von Kindesentziehung.

Maria hatte umfassend unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesagt. Der Mann legte, ebenfalls nichtöffentlich, ein Geständnis ab. Er gehe bis heute davon aus, dass es sich um eine Liebesbeziehung gehandelt habe, sagt der Richter. Er habe das Mädchen jedoch in ein Abhängigkeitsverhältnis gedrängt.

Eine Gefahr für die Allgemeinheit gehe von dem Mann nicht aus, heißt es in der Urteilsbegründung. Sicherungsverwahrung, wie von der Staatsanwaltschaft beantragt, verhängt das Gericht nicht. Mit dem Strafmaß von sechs Jahren Haft positioniert sich das Gericht zwischen den zuvor gestellten Anträgen. Die Staatsanwältin hatte, neben Sicherungsverwahrung, sieben Jahre und drei Monate Gefängnis gefordert. Der Verteidiger plädierte für vier Jahre und sechs Monate Haft. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. dpa