Vermischtes

Gesundheit Der Franzose Jean-Marc Dellajuto war bis zu einem Unfall in Bayern Stuntman – nun zählen für ihn die kleinen Schritte

Kampf zurück ins Leben

Tourves.An welchem Tag genau er seinen rechten Arm zum ersten Mal seit dem 29. Juli 2017 wieder bewegen konnte, das weiß Jean-Marc Dellajuto nicht mehr. Es war vor etwa drei Monaten, als er ihn plötzlich spürte, sich etwas regte. Mit der Zeit und dank unermüdlicher Übungen gelang ihm immer mehr. „Heute kann ich meinen Rollstuhl mit der rechten Hand bedienen“, sagt der 39-Jährige mit Stolz in der Stimme.

Dreimal pro Woche trainiert er mit einem Sport-Coach. Jede winzige Bewegung bedeutet einen sagenhaften Erfolg für Dellajuto, den so viele Ärzte davor gewarnt hatten, sich Hoffnungen zu machen, dass er noch irgendein Glied abwärts des Halses würde bewegen können. Doch dieses kleine Wunder, das sein Körper vollführt, beweist für Dellajuto, dass sich sein Mantra auszahlt: Niemals aufgeben, was auch kommt. Inzwischen kann er auch seinen Rücken bewegen und im Rollstuhl sitzend mit dem Oberkörper vor und zurück wippen.

In seinem Leben „davor“ war der Franzose Stuntman. Er vollführte waghalsige Akrobatik-Übungen auf Pferden, drehte Filme und Serien, tourte um die Welt. Bis zum 29. Juli 2017, an dem er wie die Jahre zuvor mit der reitenden Stunt-Truppe „Cavalcade“ beim Ritterturnier im bayerischen Kaltenberg auftrat. Dellajuto schwang sich vorn um die Brust seines Pferdes – eine Routine-Übung. Dann machte das Tier einen Satz, bevor er wieder im Sattel zu sitzen kam. Er stürzte, prallte mit dem Nacken gegen die Königsloge, brach sich einen Halswirbel, das Rückenmark wurde verletzt.

Vor den Augen der 10 000 geschockten Zuschauer wurde Dellajuto ins Krankenhaus nach München geflogen, wo man ihn ein erstes Mal operierte. Viele aus dem Publikum schrieben ihm später, sagt Dellajuto gerührt. Etliche beteiligten sich an einer Spendenaktion, dank der seine Familie in den folgenden fünf Wochen, die er im Krankenhaus verbrachte, möglichst oft bei ihm sein konnten, bis er stabil genug für den Transport nach Frankreich war.

Dort folgten weitere langwierige Aufenthalte in Kliniken und Reha-Zentren, bis er vor gut einem Jahr endlich nach Hause ins südfranzösische Tourves durfte, zu seiner Lebensgefährtin Laura und Tochter Lilou. Er kaufte sich aus eigener Tasche einen modernen Rollstuhl, den er mit dem Kinn steuert und so einen Computer bedienen kann.

Doch der Alltag war schwierig. Laura ertrug die Situation irgendwann nicht mehr und trennte sich. „Das war sehr hart. Ich fand mich allein in meinem Haus wieder.“ Heute gehe es ihm aber wieder gut. Die neunjährige Lilou sieht er regelmäßig – und er hat einen neuen „Schatz“ gefunden. Er und eine seiner Pflegerinnen verliebten sich ineinander. „Dank ihr habe ich wieder ein einigermaßen normales Leben.“

Viel Beistand erfahren

Wenn die permanenten Schmerzen nicht wären. Aber auch sie lassen ihn nicht resignieren: „Ich mache weiter meine Übungen. Nie aufgeben!“ Mit seiner Schwester hat er angefangen, ein Buch über sein Schicksal zu schreiben. Doch die volle Konzentration auf seinen körperlichen Wiederaufbau lässt wenig Zeit dafür.

Wenn im Juli wieder das Ritterturnier beginnt, hofft Dellajuto, nach Kaltenberg reisen zu können, sollte es die Organisation erlauben. „Ich will dem deutschen Publikum danken, das mich während meiner ganzen Genesungszeit unterstützt hat.“ Kaltenberg steht für ihn nicht nur für ein Trauma – es ist auch ein Ort, wo er viel Beistand erfahren hat.