Vermischtes

Tag der Verschwundenen Pensionierter Jurist aus der Region berichtet von seiner ehemaligen Ehefrau, die seit 15 Jahren vermisst ist

„Kein Ort zum Trauern“

Archivartikel

Mannheim.Von einem Tag auf den anderen sind sie weg. Den internationalen Tag der Verschwundenen haben humanitäre Organisationen ursprünglich initiiert, um an Menschen zu erinnern, die unrechtmäßig festgenommen und ohne Wiederkehr weggesperrt werden. Inzwischen ist der 30. August auch jenen Vermissten gewidmet, die Opfer eines Unglücks, Mordes oder der eigenen Verzweiflung geworden sind. „Die Ungewissheit, sie ist besonders schwer zu ertragen“, sagt ein pensionierter Jurist aus dem Rhein-Neckar-Raum: Von dessen einstiger Ehefrau und Mutter der beiden gemeinsamen Töchter fehlt seit 15 Jahren jede Spur – trotz Suche.

Erfolglose Vermisstenaufrufe

Es war ein kühler Märztag, als die Frau, ebenfalls Juristin, eine therapeutische Gruppensitzung vorzeitig verließ, um etwas Luft zu schnappen und ein Glas Wasser zu trinken – so jedenfalls die Botschaft ihrer letzten Worte. Wegen psychischer Probleme und Tablettenabhängigkeit hatte sie sich 2005 in einer Fachklinik aufnehmen lassen. Ob die Patientin tatsächlich vorhatte, gleich wieder in die Gesprächsrunde zurückzukehren, ist bis heute unklar. Fest steht hingegen: „Sie hat trotz Kälte keinen Mantel geholt und weder Portemonnaie noch Papiere mitgenommen“, erzählt der einstige Ehemann. Das Paar war zwar schon damals geschieden, stand aber als Eltern in regelmäßigem Kontakt.

Die Polizei ließ das Umgebungsareal der Klinik, insbesondere den Spazierweg an dem nahe gelegenen See, absuchen. Ohne Erfolg blieben auch Vermisstenaufrufe mit Foto – beispielsweise in einem Suchportal des Bundeskriminalamtes. Niemand konnte sagen, wohin die Frau gegangen war. „Es gab zwar einen Zeugenhinweis, der führte aber zu nichts“, blickt der Pensionär zurück. Ein Mann hatte zu Protokoll gegeben, die Vermisste am Bahnhof der nächsten Ortschaft gesehen zu haben.

„Für die Töchter war es ein Schock, dass es von ihrer verschwundenen Mutter keine einzige Spur gab.“ Der Vater berichtet, wie schwer es den beiden jungen Frauen gefallen ist, Monate später die Wohnung der vermissten Mama zu kündigen und nicht nur Möbel, sondern auch Persönliches verknüpft mit Erinnerungen auszuräumen. „Als ihr Konto fast leer war, musste etwas geschehen – schließlich konnte die Miete nicht auf Dauer weiterlaufen.“ Formalitäten und Behördengänge nahm der Vater seinen Töchtern so weit möglich ab. Zu einer offiziellen Toterklärung hat sich die Familie 2015 entschlossen. Ohnehin schreibt das Verschollenengesetz dafür üblicherweise eine Zeitspanne von zehn Jahren nach dem letzten Lebenszeichen vor.

Täglich 300 Fahndungen erfasst

Auch wenn ein solcher Verwaltungsakt so etwas wie einen Schlusspunkt setzt, so fällt den Töchtern schwer, mit dem Schicksal ihrer Mutter abzuschließen. Denn nach wie vor treibt die Frage um: Was ist an jenem Märztag 2005 geschehen? „Meine Töchter leiden darunter, dass es keinen Ort gibt, wo sie hingehen und an ihre Mutter denken können.“ Die Beiden hätten schon überlegt, dafür eine Stelle am See vor der Klinik auszuwählen.

Zwischen 200 bis 300 Fahndungen nach Vermissten werden laut Bundeskriminalamt täglich neu erfasst und auch wieder gelöscht. Denn jeder Zweite kommt innerhalb der ersten Woche selbst zurück oder wird gefunden – binnen Monatsfrist gilt dies sogar für mehr als dreiviertel. Aber drei von hundert Männern, Frauen, Jugendlichen und Kindern, nach denen gesucht wird, bleiben länger als zwölf Monate verschwunden.

Manchmal dauert es Jahre, bis ein Verbrechen feststeht – wie im Mordfall der 2001 verschwundenen neunjährigen Peggy aus Oberfranken, deren Leiche erst 15 Jahre später in einem Waldstück nahe ihres Heimatorts entdeckt wurde. Hingegen dürfte der im September 2018 bei einer Kreuzfahrt vor der Küste Kanadas über Bord gegangene Sänger Daniel Küblböck wohl nie gefunden werden. Für Schlagzeilen sorgte dieser Tage, dass der einstige „Deutschland sucht den Superstar“-Teilnehmer schon bald für tot erklärt werden könnte – weil Ermittler von einem Suizid ausgehen.

Es kommt aber auch vor, dass Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwinden, weil sie aufgrund einer Straftat, gescheiterter Geschäfte, Schulden oder auch der Liebe wegen ganz bewusst abtauchen. Es gibt sogar eine internationale Agentur, die dabei hilft Spuren zu verwischen – betrieben von einem ehemaligen US-Zielfahnder, der die Seiten gewechselt hat.

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