Vermischtes

Umfrage Radfahrer vergeben schlechte Noten / Verkehrsminister Scheuer kündigt Vorschläge für Novelle der Straßenverkehrsordnung an

Klima auf den Straßen: aggressiv

Berlin.Fehlende Radweg-Systeme, ein lascher Umgang mit Falschparkern und ungünstige Ampelschaltungen nehmen vielen Menschen zunehmend die Lust am gesunden und umweltfreundlichen Radfahren. So heißt es im neuen „Fahrradklima“-Test, den der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) gestern in Berlin vorstellte.

Dabei ist Radfahren sehr beliebt. 75 Millionen Räder gebe es in Deutschland, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CDU). Allein 2018 wurden 4,2 Millionen neue Räder bundesweit gekauft – der zweithöchste Wert in diesem Jahrzehnt.

Ungutes Gefühl

Und doch vergeben Radfahrer als Gesamteindruck im Test die Schulnote 3,9. Vor allem in größeren Städten sitzt der Unmut tiefer. Selbst Sieger im Test wie Bremen, Karlsruhe oder Göttingen erreichen auf der Schulnoten-Skala maximal eine 3. Die Nase vorn haben kleinere Kommunen im Münsterland wie Bocholt oder Wettringen.

170 000 Radfahrer haben für den „Fahrradklima“-Test Fragebögen ausgefüllt. Beim Punkt Sicherheit im Radverkehr vergaben die Befragten nur die Schulnote 4,2. Auch wenn der ADFC-Test nicht repräsentativ ist, gilt er als Stimmungsbarometer. Verkehrsminister Scheuer nimmt das ernst. „Das Sicherheitsgefühl muss sich verbessern“, sagte er. Helme und Abbiege-Assistenten für Lastwagen gehörten für ihn dazu. Es gehe aber vor allem darum, den Verkehrsraum so zu entflechten, dass alle Platz haben. Bis Pfingsten will er Vorschläge für eine Novelle der Straßenverkehrsordnung vorlegen. Denkbar sei zum Beispiel, Einbahnstraßen in Gegenrichtung für den Radverkehr zu öffnen und das Zuparken von Radwegen zu thematisieren. „Die Menschen in Deutschland haben das Gefühl, dass für das Rad zu wenig getan wird“, fasst ADFC-Bundesvorstand Rebecca Peters die Stimmung zusammen.

Die Meckerliste beim Test ist lang: Die Mehrheit der Eltern in Großstädten lasse ihre Kinder zum Beispiel nur mit ungutem Gefühl allein aufs Rad – zu gefährlich. Doch es ist nicht nur ein gefühltes Risiko. 2018 starben 445 Radfahrer auf Deutschlands Straßen, es gab 14 Prozent mehr Unfälle als 2017. Und es geht um Verteilungskämpfe. Autofahrer merkten, dass ihnen weniger Platz bleibe, konstatiert der Deutsche Verkehrssicherheitsrat. Die Hälfte der Bundesbürger finde das Klima auf den Straßen aggressiver als früher. „Idealerweise müssten die Verkehrsströme getrennt werden, etwa durch Ampelschaltungen“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter des Berliner Instituts Unfallforschung der Versicherer.

Berlin gilt im Städte-Ranking trotz seiner Schulnote 4,27 als Aufholer, weil in der Stadt viel übers Radfahren geredet wird. Den großen Wurf in der Praxis vermissen viele Hauptstädter weiter. Ganz anders im niedersächsischen Nordhorn: Die 50 000-Einwohner-Stadt gibt 22,60 Euro pro Kopf für Radinfrastruktur aus. Das nordrhein-westfälische Rees verordnete Tempo 20 im Stadtkern. Karlsruhe wandelte Autospuren in Radwege und Parkplätze in Abstellplätze um. Zwischen Heidelberg und Mannheim entsteht der erste Radschnellweg, den der Bund finanziert.

„Städte für den Radverkehr zu optimieren dauert keine 40 Jahre“, sagt ADFC-Sprecherin Stephanie Krone. „Wenn der politische Wille da ist, kann man in wenigen Monaten Platz für gute Radwege schaffen.“ Im Vergleich zum Nachbarn Niederlande ist Deutschland für den ADFC mit seinen elf Prozent Radverkehrsanteil Entwicklungsland. Die Niederlande schafften 30 Prozent.