Vermischtes

Monarchie Prinz Andrew bestreitet Missbrauchsvorwürfe im TV – und macht eine katastrophale Figur

Mit viel Selbstmitleid und ohne Mitgefühl

Archivartikel

London.Am Ende eröffnete sich Prinz Andrew (kleines Bild oben) eine letzte Möglichkeit. Ob es noch etwas gebe, das er gerne loswerden wolle, fragte die BBC-Journalistin Emily Maitlis. Der Prinz atmete tief und hörbar ein, als müsse er kurz nachdenken. „Nein, ich denke nicht“, erwiderte er dann, schüttelte den Kopf, nicht ohne sich für die Gelegenheit zu bedanken, die Sache zu diskutieren. Und den Zuschauern, die ohnehin bereits seit knapp einer Stunde mit offenem Munde vor dem Bildschirm saßen, dürfte diese Aussage vollends den letzten Atem geraubt haben.

Denn neben den unzähligen äußerst bemerkenswerten Dingen, die er gesagt hat, war es trotzdem das Bemerkenswerteste, was er nicht gesagt hat: Kein Wort verlor der 59-Jährige während des Interviews über all die Opfer seines Freundes, des US-Multimillionärs und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein (kleines Bild unten). Kein Wort des Bedauerns, des Mitgefühls, der Reue.

„Bequeme“ Übernachtungen

Dem privilegierten Prinz Andrew mit seiner ganz eigenen Sicht auf die Welt kamen sie nicht in den Sinn, er hatte während des Interviews im Blauen Salon des Buckingham-Palasts vor allem Mitleid mit sich selbst. Schlimmer noch. Er sagte, er bereue die Freundschaft mit Epstein nicht, und offenbarte, wie völlig entrückt der Royal von der Realität ist. Die Menschen, die er durch die Bekanntschaft getroffen habe, und die Möglichkeiten, die ihm durch Epstein gegeben wurden, „waren tatsächlich sehr nützlich“. In dem Haus des US-Geschäftsmanns zu übernachten, nannte er „bequem“, Sex hatte er mit keiner von Epsteins Opfern. Weil für Männer Sex „ein positiver Akt“ sei, wäre es sehr schwierig, das zu vergessen.

Dass er den bereits verurteilten Pädophilen besuchte, um die Freundschaft – nach öffentlichem Druck – persönlich zu beenden, schob er darauf, dass seine „Urteilsfähigkeit getrübt war durch meine Neigung, mich zu ehrenwert zu verhalten, aber so ist es“. Ehrenwert – das sagte Prinz Andrew wirklich. Dieses Treffen immerhin bedauere er, weil er damit die Königsfamilie enttäuscht habe.

Das Interview als absolutes PR-Desaster für die Royals zu bezeichnen, dürfte die Untertreibung des Jahrzehnts sein. „Ich habe eine Katastrophe erwartet, aber das war auf dem Level eines Flugzeugs, das in einen Öltanker stürzt, einen Tsunami verursacht und eine Nuklearexplosion auslöst“, urteilte Charlie Proctor, Chefredakteur der Webseite „Royal Central“.

Der Skandal dürfte auch für Königin Elizabeth II. zum Problem werden, die in den vergangenen Monaten demonstrativ zu ihrem zweiten und angeblichen Lieblingssohn hielt, etwa symbolisch gemeinsam mit ihm zur Kirche fuhr. Willkommen zurück im Skandal-Königreich! Es handelte sich um das erste Mal, dass sich Andrew zur Beziehung zu Epstein zu Wort meldete – und zu den Missbrauchsvorwürfen gegen ihn selbst Stellung nahm.

Eine ganz spezielle Moral

Die US-Amerikanerin Virginia Giuffre, ehemals Roberts, hat ausgesagt, jahrelang von Epstein missbraucht und auch zum Sex mit dessen wohlhabenden Freunden gezwungen worden zu sein, inklusive mit Prinz Andrew drei Mal in den Jahren 2001 und 2002. Beim ersten Mal in London sei sie erst 17 Jahre alt gewesen. Es gibt von diesem Treffen ein Foto, auf dem Prinz Andrew seinen Arm um die Taille der damals Minderjährigen legt, im Hintergrund zeigt das Bild Epsteins damalige Freundin Ghislaine Maxwell. Der Royal zweifelt die Echtheit der Aufnahme an. „Ich habe keinerlei Erinnerung daran, diese Dame jemals getroffen zu haben“, rechtfertigte sich Prinz Andrew.

Warum wagte der Herzog von York den Schritt an die Öffentlichkeit? Befürchtet er weitere Enthüllungen? Oder zeigt sich an dem Interview nur das überhebliche Selbstverständnis des britischen Establishments? Es herrsche in der Oberschicht des klassenverliebten Königreichs eine ganz spezielle moralische Sittlichkeit.

Sie sei durchtränkt von Loyalität innerhalb des Eliteclubs, vornehmlich bestehend aus Männern, interpretierten etliche Kommentatoren die seltsamen Erklärungen des Herzogs. Als „Kultur der Straflosigkeit“ bezeichnete die Autorin Catherine Mayer das Problem in der Oberschicht, wo Institutionen Männer wie den Prinzen, aber auch Politiker schützten: „Es zieht sich durch das Königreich.“ (BILD: dpa)

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