Vermischtes

Freizeit Tourismusforscher Opaschowski sieht im Urlaub einen wichtigen Kontrast zum Alltag

Ohne Reisen drohen Entzugserscheinungen

Berlin.Urlaub heißt Glück: Diese Gleichung durchzieht die Geschichte vom Tourismus. Die Tui zum Beispiel wirbt mit dem Spruch „Discover your Smile“ (Entdecke dein Lächeln). Fast so, als gäbe es erst dann einen Grund zur Freude, wenn man die Koffer packen kann. Doch damit ist es nun vorbei. Nicht nur Tui hat wegen Corona vorerst alle Reisen abgesagt. Urlaub ist generell unmöglich geworden: Die Reisewarnung der Bundesregierung gilt weltweit. Nicht nur die Veranstalter preisen in der Aussicht auf dicke Umsätze das Reiseglück, es sind vor allem die Urlauber selbst. Selfies auf Instagram und per Whatsapp senden die Botschaft: Ich habe eine tolle Zeit! Die Sommerferien gelten als „die schönsten Wochen des Jahres“.

Ausbruch aus Gewohntem

Was macht es mit uns, wenn der Glücksfaktor Reisen auf unbestimmte Zeit wegfällt? Der Zukunfts- und Tourismusforscher Professor Horst Opaschowski (kleines Bild) hat das Reisen mehr als 30 Jahre untersucht. Der Befund des Experten ist eindeutig: „Ohne das Reisen drohen den Menschen Entzugserscheinungen“, sagt Opaschowski. „Denn das Reisen gehört einfach zum Menschen. Wir waren mobil, bevor wir sesshaft wurden.“ Die Geschichte des Menschen sei eine Geschichte der Mobilität und des Reisens.

„Reisen ist die populärste Form von Glück“, sagt Opaschowski. Das liege an zwei Dingen: „Reisen ermöglicht den Ortswechsel und auch den Rollenwechsel.“ Beides sei im Moment nicht möglich. „Jeder spielt im Urlaub und auf Reisen eine andere Rolle, was man oft schon an der Kostümierung sieht.“ Nun sei jeder auf sich selbst zurückgeworfen – der Ausbruch aus dem Gewohnten fehlt.

Und es gibt noch einen anderen Effekt: Ohne das Reisen ist einfach weniger Aktion. „Die treibende Kraft für Mobilität und Reisen ist die Angst, im Leben etwas zu verpassen“, sagt Opaschowski. Je jünger die Menschen, umso bedeutender das Reisen. In der Tat konnte man in den vergangenen Jahren den Eindruck gewinnen, dass das Reisen zu dem Statussymbol und Sinnstifter schlechthin geworden ist.

Wäre nun die Zeit, den Billigflieger-Hedonismus zu hinterfragen, die hektischen Wochenendtrips nach London, Rom oder Barcelona? Der Experte ist skeptisch: „Das ist die Wunschvorstellung, aber ich glaube, sie wird so nicht funktionieren. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass wir immer wegkönnen.“ Die Tourismusindustrie sei gleichzeitig Langweile-Verhinderer und Langweile-Produzent. Wie das? „Weil man abhängig wird“, sagt Opaschowski.

Aber ist es nicht auch mal schön, das Zuhause zu genießen? Es kommt wohl darauf an, wie lange der Reisestopp andauern wird. „Das eigene Haus kann noch so schön gestaltet sein, irgendwann muss man einfach raus“, schätzt Opaschowski. „Da ist dieses Bedürfnis: raus aus dem Alltag, raus den Gewohnheiten, den Terminen und der Routine.“ Der Mensch brauche den Kontrast zum Alltag.

Opaschowski glaubt auch nicht daran, dass die verordnete Ruhe, die nun ins Leben einkehrt, auf Dauer wirklich gut tut. Er vergleicht das mit der Sehnsucht nach dem Ruhestand. „Es gibt viele, die sich darauf freuen, wenn das Arbeitsleben zu Ende ist. Die freuen sich riesig darauf, mal die Wohnung aufzuräumen. Aber das hält dann nicht ewig an“, glaubt der Zukunftsforscher.

Langeweile als Chance

Natürlich sei jede Form von Langeweile eine Chance, zu sich zu kommen. „Man kann das vorübergehend auch genießen. Aber der Mensch ist ein tätiges Wesen, er muss etwas um die Ohren haben“, sagt Opaschowski. Der Kreislauf sei folgender: Die Unrast, etwas tun zu müssen, führt zu Stress. Und so sehnt man sich nach Ruhe. Wenn die dann aber da ist, kann man sie auf Dauer nicht ertragen.

Wird sich das Reisen durch die Krise dauerhaft verändern? Daran glaubt Opaschowski nicht: „Ich habe die Ölkrise, Tschernobyl, den Golfkrieg 1991 und die Anschläge vom 11. September erlebt“, erzählt der Forscher. „Immer hieß es: Nichts wird mehr so sein, wie es war. Aber das hat nie gestimmt.“ dpa (Bild: dpa)

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