Vermischtes

Spielsucht Experten sehen Entwicklung mit Sorge / Mehrheit hängt noch an Automaten

Online-Casinos locken immer mehr Zocker an

Archivartikel

Hannover/Hameln.Er wusste genau, dass sein Gehalt am Monatsanfang immer pünktlich auf seinem Konto war. Auch wann der Unterhalt und sein Kindergeld überwiesen wurden, wusste er auf die Uhrzeit genau. Dann stand Marcel Hoffmann (Name geändert) am Geldautomaten, hob alles ab und verzockte es. Er stellte das Spielen sogar über Essen und Trinken, hatte kein Geld mehr übrig, um Lebensmittel zu kaufen. „Den Rest des Monats habe ich dann bei Oma gegessen“, sagt der 23-Jährige. Marcel Hoffmann ist spielsüchtig.

Mit dem Umzug nach Hannover gelang ihm ein kleiner Neustart. Hoffmann fand einen Job in der Gastronomie und hat eine feste Freundin. Die von seiner Sucht nichts ahnt. Wie lässt sich das verheimlichen? „Wir wohnen nicht zusammen, sie weiß also nicht, was ich zu Hause tue. Ich muss mir nur manchmal Ausreden einfallen lassen, warum ich so oft knapp bei Kasse bin“, sagt der junge Mann, der heute vor allem in Online-Casinos zockt.

Zwischen 16 und 18, als es zu Hause und in der Schule nicht gut lief, verbrachte Hoffmann den größten Teil seiner Freizeit in Spielotheken. „Aber das macht keinen Bock mehr“, sagt er heute. „Man fühlt sich ständig beobachtet. Zu Hause vor dem Rechner kann man auch mal ausrasten und bescheuerte Einsätze spielen.“ Ein Limit gibt es nicht, anders als beim Spielautomaten.

Das Online-Glücksspiel entdeckte Hoffmann erst durch die Corona-Pandemie. Nicht nur das Restaurant, in dem er arbeitet, musste schließen, sondern auch alle Spielotheken. Vorher hatte er jeden Tag nach Dienstschluss sein Trinkgeld verspielt. Jetzt hat sich seine Sucht ins Internet verlagert: „Es geht mir gar nicht ums Gewinnen, sondern ums Adrenalin. Dieses Gefühl, dieser Rausch, wenn du ein Freispiel bekommst, ist so geil.“

Massiv Werbung verstärkt

Online-Glücksspiel erlebt zurzeit einen Boom. Doch mit dem Corona-Lockdown, als von einem Tag auf den anderen das Spielen an Automaten nicht mehr möglich war, hat das offenbar nur bedingt zu tun. Nach den Erfahrungen der Suchtberatungsstellen hat sich nur eine Minderheit der krankhaften Spieler hier eine Ersatzdroge gesucht.

„Es ist nicht das eingetreten, womit wir gerechnet haben, dass nämlich die Automatenspieler alle in den Online-Bereich ausweichen“, sagt Martina Kuhnt, Referentin für Glücksspielsucht der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen (NLS). Stattdessen sei es den Online-Anbietern mit massiv verstärkter Werbung in den vergangenen Monaten gelungen, viele neue Kunden zu gewinnen. Die Klientel der Suchtberater bestehe aber weiterhin zu 60 bis 80 Prozent aus Menschen, die dem Spielen am Automaten verfallen seien. Die Schließung der Spielotheken hätten diese Menschen wie eine Befreiung empfunden.

Marlis Meyerhoff von der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention im Haus der Diakonie in Hameln erklärt, dass viele Spieler vom Verstand her durchaus um die schwerwiegenden Folgen ihrer Sucht wüssten: „Die Erkrankung ist es, die sie wie ein Zombie wieder in die Spielhalle gehen lässt.“

Den Lockdown hätten viele als Chance empfunden, den Einstieg in den Ausstieg zu schaffen. „Ich plädiere deshalb für ein Experiment“, sagt Meyerhoff. „Die Spielotheken sollten bundesweit in jedem Jahr sechs Wochen Ferien machen. Dann merken die Glücksspieler, dass sie wieder Geld in der Tasche haben und es noch etwas anderes im Leben gibt.“ epd

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