Vermischtes

Ehe Für Paar-Beziehungen sind die Corona-Zeiten eine besondere Herausforderung

Pandemie als Stresstest – Scheidung oder nicht?

Archivartikel

Hannover.Mehr Zeit für die Familie, für den Partner, raus aus dem beruflichen Hamsterrad – viele dürften sich das gewünscht haben. Jedenfalls vor dem Corona-Stillstand. Aber mal ehrlich: Während der Corona-Beschränkungen den ganzen Tag mit dem Partner verbringen, umgeben von quengelnden Kindern, die Hilfe beim Homeschooling (Hausunterricht) brauchen, die eigene Arbeit zu Hause im Homeoffice – das war mehr, als so mancher sich gewünscht hat. Oder verkraften konnte. War die Pandemie für Partnerschaften der ultimative Stresstest, stehen wir vor einer Scheidungswelle? Erst in einem Jahr, nämlich nach dem Trennungsjahr, dürfte klar sein, ob das stimmt. Einer Umfrage zufolge könnte die Zahl aber spürbar steigen.

Seit Mitte März registrierte die Berliner Familienrechtlerin Alicia von Rosenberg „unheimlich viele Anfragen“ zu Scheidungen. Und während früher die Voraussetzungen erfüllt und das obligatorische Trennungsjahr absolviert waren, ist diesmal alles anders: „Die Leute hatten sich gerade erst getrennt und sich nicht informiert, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen.“ Maren Otto, Paar-Therapeutin in Hannover, sprach von „größerem Andrang“, die Anfragen stiegen um etwa ein Viertel – ausgerechnet in der Zeit, als Therapeuten wegen der Pandemie nicht arbeiten durften und telefonisch berieten.

Normalerweise gebe es ein „Sommerloch“, eine Zeit, in der die Menschen lieber in den Urlaub führen und keine Lust auf Paar-Coaching hätten: „Das war diesmal völlig anders.“ Rainer Bugdahn von der Hauptstelle für Lebensberatung der evangelischen Landeskirche Hannover sieht zwei klare Tendenzen: Im Corona-Lockdown hätten Familien mehr Zeit gehabt, miteinander zu reden – daher gebe es keinen akuten Beratungsbedarf.

Mehr Zeit zum Streiten

Bei anderen verschärften sich dagegen die Paar-Konflikte. Der Grund: Sie mussten mehr Zeit zusammen verbringen, während Kommunikationsfähigkeit und -wille gering seien. „Welche Tendenz die stärkere ist, kann ich nicht benennen, da uns noch keine belastbaren Zahlen vorliegen“, sagte er. Bei vielen Paaren spielt auch der Faktor Zeit eine Rolle, berichtet Alicia von Rosenberg. Ein Paar habe ihr erklärt, der Lockdown sei erstmals seit Jahren eine Chance gewesen, sich um alles zu kümmern – auch um rechtliche Fragen wie eine Scheidung. „Bei manchen ist das die Hürde, eine Scheidung anzugehen: Jetzt hat man auf einmal Zeit.“ Bei anderen habe sie bemerkt, dass es „geknallt“ haben musste – der verordnete Rückzug in die eigenen vier Wände brachte die Entscheidung: Ich muss mich trennen.

Einen Ausblick auf das, was kommen könnte, geben Presseberichte über die Lage in China: Dort soll für viele Paare der erste Weg in Freiheit nach der Quarantäne zum Scheidungsanwalt geführt haben. Wieso ist das so? Maren Otto erklärt, besonders Paare mit Kindern seien in „krisenhafter Situation“: Viele Männer hätten sich mit dem Argument, Vollzeit zu arbeiten, zurückgezogen und die Frauen mit den Kindern und der eigenen Arbeit allein gelassen. Bugdahn sagt, der Bedarf an Familienberatung bei Eltern-Kind-Konflikten – Stichwort „Homeschooling“ – sei „merkbar gestiegen“. Und der Lockdown habe „wie ein Brandbeschleuniger“ gewirkt, erklärt Otto. Denn mancher fühlte sich daheim eingesperrt, und wo es in der Partnerschaft ohnehin kriselte, kochte die Auseinandersetzung hoch.

Möglicherweise kommt es nicht so schlimm wie befürchtet: Eine Mandantin habe erst einmal abgesehen von der endgültigen Trennung, sagt von Rosenberg. Der Grund: In der Zeit des Lockdowns sei der Kontakt zu ihrem Ehemann viel besser geworden. Da hatte die Corona-Krise auch ihr Gutes. dpa

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