Vermischtes

Kriminalität Kidnapper des behinderten Milliardärssohnes in Gießen vor Gericht / Unklar, ob Komplizen im Spiel waren

Prozessbeginn im Fall Würth

Fulda/Gießen.Die spektakuläre Entführung des behinderten und hilflosen Mannes aus schwerreichem Hause erregte bundesweit Aufsehen – nun kommt der Fall in Gießen vor Gericht: Heute wird der Prozess gegen den mutmaßlichen Kidnapper des Sohns von Unternehmer Reinhold Würth eröffnet. Bei einer Verurteilung muss der Angeklagte mit einer Haftstrafe zwischen fünf und 15 Jahren rechnen.

Er soll den damals 50 Jahre alten Sohn des Industriellen und Milliardärs Reinhold Würth am 17. Juni 2015 auf dem Hofgut Sassen in Schlitz bei Fulda entführt haben. Dieser lebte dort in einer integrativen Wohngruppe für behinderte und nicht-behinderte Menschen. Die Lösegeldforderung ging telefonisch am Stammsitz des Unternehmens in Künzelsau in Baden-Württemberg ein. Würth und seine Frau waren zu dem Zeitpunkt auf einer Geschäftsreise in Griechenland. Zu einer Lösegeld-Übergabe in Höhe von drei Millionen Euro kam es nicht. Einen Tag später wurde die Geisel in einem Waldgebiet bei Würzburg entdeckt, an einen Baum gekettet, aber unversehrt. Zuvor hatte der Entführer die Geodaten des etwa eine Autostunde von Schlitz entfernten Fundortes preisgegeben.

Stimmproben im TV ausgestrahlt

Die Unternehmensgruppe von Reinhold Würth, die aus einer Schraubengroßhandlung hervorging, beschäftigt 76 000 Mitarbeiter weltweit. Der Umsatz lag 2017 bei 12,7 Milliarden Euro. Ausgewählt wurde der Würth-Sohn aber vielleicht auch, weil er nicht sprechen und den Entführer im Falle des Scheiterns somit nicht verraten kann. Der Würth-Sohn sei wegen eines Impfschadens seit dem ersten Lebensjahr behindert, sagt Maria Theresia Heitlinger von der Pressestelle des Unternehmens.

Um dem Entführer auf die Spur zu kommen, veröffentlichten die Ermittler Sprachaufzeichnungen von ihm. Der Fall wurde mehrmals in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ vorgestellt. Nach der Ausstrahlung im Juli 2015 konnten Stimmproben des Entführers bei einer Hotline abgehört werden.

Im April 2017 veröffentlichten die Ermittler in der Sendung eine neue Stimmanalyse und daraus gefolgerte Informationen. Neben der Stimmenanalyse nahm die Polizei Handy-Auswertungen vor. Dadurch entstand ein Bewegungsbild des Täters, wie der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger im Fernsehen sagte. Gelungen sei dies mit Hilfe von Cash-Code-Einkäufen, mit denen der Kidnapper sein Handy aufgeladen habe. Diverse Einkäufe seien im Rhein-Main-Gebiet erfolgt, am Tattag in einem Supermarkt in Würzburg-Eisingen, in der Nähe des späteren Fundorts des Opfers.

Zweifel an Allein-Täterschaft

Nach der zweiten über das Fernsehen ausgestrahlten Tätersuche kamen innerhalb eines Monats 200 Hinweise zusammen. Am 14. März 2018 – knapp drei Jahre nach der Entführung – vermeldeten die Fahnder den Durchbruch: Spezialeinheiten der Polizei nahmen in einem Offenbacher Hochhaus den mutmaßlichen Täter fest. Es ist ein 48 Jahre alter Mann aus Serbien, ein Gelegenheitshandwerker. Nach der Festnahme gab die Polizei neue Details bekannt. Weil sein Plan scheiterte, soll der Verdächtige im vergangenen Jahr einen erneuten Erpressungsversuch unternommen haben. Doch zu einem erneuten Verbrechen kam es nicht.

Zum Durchbruch kam es bei den letztlich rund 1000 Tage währenden Ermittlungen durch eine aufmerksame Zeugin aus dem Rhein-Main-Gebiet. Sie erkannte im Januar auf einem Fahndungsplakat mit einem Phantombild den Mann wieder. Sie rief die Polizei-Hotline an, um sich seine Stimme anzuhören. Dann wurde ihr klar: Es ist der Mann, der in ihrem Haushalt schon als Handwerker tätig war. Beamte observierten den Verdächtigen – verheiratet, zwei Kinder, keine Vorstrafen – und schlugen zu, als sie sich sicher waren, dass er der Gesuchte ist. Ungeklärt ist die Frage, ob der Entführer Komplizen hatte. Eine Allein-Täterschaft sei zwar möglich, dass es Mittäter gab, könne jedoch nicht ausgeschlossen werden, sagten die Ermittler im März.