Vermischtes

Musik „Vincent“ wird wegen Äußerung zu Homosexualität teils aus dem Programm verbannt oder nur gekürzt gespielt

Radiosender boykottieren Connor-Song

Berlin.Sarah Connor ist nicht unbedingt das, was man als Skandalsängerin bezeichnet. Die 38-Jährige singt viel über Liebe und Beziehungen, fällt nicht mit Eskapaden in ihrem Privatleben auf. Wenn sie dann doch einmal Wirbel ausgelöst hat, dann, weil sie den Text der deutschen Nationalhymne verhauen hat. Doch nun hat die Musikerin Ärger mit einem Lied, mit dem sie eigentlich gute Absichten hatte: „Vincent“ soll für einen offenen Umgang mit Homosexualität werben.

Einige Radios haben entschieden, den Song von Connors neuem Album „Herz Kraft Werke“ nur gekürzt zu spielen, manche verbannten den Song sogar ganz aus dem Programm. In „Vincent“ kommt ein Junge vor, der erkennt, dass er schwul ist; und das Problem liegt gleich in der ersten Zeile: „Vincent kriegt kein’ hoch, wenn er an Mädchen denkt.“

„Kritik vorgeschoben“

Connor ist empört. In einem RTL-Interview sagt die Musikerin: „Wir tun ja immer so, als wäre es überall, als wäre es völlig in Ordnung, und dann bringt es ein Song auf den Punkt, und dann gibt’s plötzlich Ressentiments.“ Die Diskussion um den Song zeigt aus Sicht des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) Probleme beim offenen Umgang mit Homosexualität. „Sobald es um schwule oder nicht-heterosexuelle Sexualität geht, wird es schwierig“, sagte Sprecher Markus Ulrich.

Im Song „Candy Shop“ von Rapper 50 Cent etwa gehe es um eindeutig sexuelle Inhalte – das sei ebenso wenig ein Problem gewesen wie Udo Jürgens, der als älterer Mann sang: „17 Jahr’, blondes Haar“. Die Debatte ist für LSVD-Sprecher Ulrich verkrampft, die Kritik am Wort „Hochkriegen“ vorgeschoben. „Das sind Themen, die Jugendliche bewegen, die gehen da viel offener mit um.“ Das Jugendmagazin „Bravo“ habe solche Themen schon vor 20 Jahren in der Rubrik „Dr. Sommer“ aufgegriffen. „Da hat auch keiner gesagt, die darf nur an über 18-Jährige verkauft werden“, sagte Ulrich.

„Vincent“ ist bei weitem nicht der erste Song, der es in Deutschlands Radios schwer hat. Besonders für Skandale bekannt: Falco (1957-1998). 1985 besang er in „Jeanny“ Entführung und Missbrauch einer Minderjährigen aus Tätersicht – so war zumindest die Interpretation vieler Hörer. Während der Tabubruch sich für die Plattenfirma ordentlich auszahlte, verzichteten viele Radiostationen auf den Song des Österreichers. Bereits Falcos Titel „Ganz Wien (...ist heut auf Heroin)“ war mit einem Sendeverbot im österreichischen Radio belegt worden.

„Die Ärzte“ waren Rekordhalter

Andere Lieder wurden schon vor einem möglichen Boykott von Behörden gestoppt. Vorübergehend Rekordhalter an Indizierungen durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften war die Punk-Band „Die Ärzte“. So durfte „Geschwisterliebe“ Jugendlichen unter 18 Jahren nicht zugänglich gemacht werden. In dem Lied von 1987 besang die Gruppe Geschlechtsverkehr zwischen Bruder und Schwester.

Ebenfalls ein Dorn im Auge war Jugendschützern immer wieder die Band Rammstein. Das Album „Liebe ist für alle da“ landete 2009 auf dem Index. Zur Begründung hieß es, einer der Songs würde Gewalt verherrlichen. Später hob ein Gericht die Entscheidung wieder auf.

Doch es muss nicht immer um Brutalität oder gezielte Provokationen gehen. Definitiv nichts zuschulden kommen lassen hatte sich die Pop-Gruppe Juli, als Radiosender in ganz Deutschland und Österreich 2004 ihr Lied „Die perfekte Welle“ aus dem Programm nahmen. Hintergrund war eine verheerende Flutwelle mit Zehntausenden von Opfern in Asien. Die Senderverantwortlichen nannten Pietät und Anstand als Gründe für ihre Entscheidung.

Auch in der Gegenwart ist Sarah Connors „Vincent“ nicht der einzige Titel, mit dem Rundfunksender sich schwer tun. Mit seinen teils obszönen Texten über Gewalt, Sex und Drogen provoziert etwa der Berliner Rapper Capital Bra so sehr, dass einige Wellen seine Musik grundsätzlich nicht spielen. „Die Musik ist zu extrem für unsere breite Hörerschaft“, hat Antenne-Bayern-Programmdirektorin Ina Tenz der „Bild“-Zeitung im Februar gesagt.