Vermischtes

Freizeit Spezielle Gotteshäuser haben ein Herz für Zweiradfahrer

Radwegekirche als ein Ort zum Innehalten

Marburg.„Nur noch fünf Minuten bis zur Nikolaikirche und ins ,Paradies’“, begrüßt das Schild unten in Caldern den Radfahrer. Dann schlängelt sich die Straße hoch durch das hessische Dorf, vorbei an Fachwerkhäusern und alten Höfen, bis zur Kirche. Oben dann wird der Radler belohnt: mit einer wunderschönen Klosterkirche und einem herrlichen Blick ins Lahntal. Die evangelische Nikolaikirche in Caldern nördlich von Marburg ist eine Radwegekirche. Sie liegt direkt am Lahntal-Radweg und ist von Ostern bis zum Reformationstag am 31. Oktober täglich geöffnet. Sie sei „sehr, sehr gut besucht“, erzählt die Küsterin, die gerade mit einem Staubwedel durch die Kirche geht.

Etwa 350 Radwegekirchen gibt es in Deutschland. Dazu gehören zum Beispiel die Schafstallkirche St. Martin Munster am Lüneburger-Heide-Radweg – ein echter Schafstall in der Heide, gelegen inmitten von Wacholder und Wildblumen. Oder die St. Jakobs-Kirche in Rothenburg ob der Tauber am Taubertal-Radweg, mit dem Heilig-Blut-Altar von Tilman Riemenschneider.

Beliebter Urlaub

Der Dom zu Verden am Aller-Radweg ist eine Radwegekirche, und auch die St.-Johannis-Kirche in Kühlungsborn am Ostseeküstenradweg, eine Feldsteinkirche aus dem Jahr 1220. Die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Wenzenbach in der Oberpfalz liegt am Falkenstein-Radweg und wurde 2016 fast nur mit regionalen Materialien neu gebaut.

Radwegekirchen gibt es bereits seit rund 20 Jahren. Die erste war die Johanniskirche in Reinhardsbrunn in der Nähe des Radwegs „Thüringer Städtekette“. Man habe dort frühzeitig erkannt, „dass viele Menschen im Urlaub und in der Freizeit Orte des Innehaltens suchen“, erklärt Georg Hofmeister, Leiter der Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen in Kassel. Die Akademie unterstützt die Radwegekirchen und hilft unter anderem dabei, das Netz weiter auszubauen.

Bereits im Mittelalter dienten Kapellen und Kreuze am Wegesrand den Wanderern als Orte des Gebets und der Besinnung, erklärt Hofmeister. „Sie erinnerten die Menschen daran, sich auch auf Reisen immer wieder auf Gott zu besinnen. Dasselbe tun die Kirchen am Wege, wie die Radewegekirchen, auch heute.“

Radurlaub ist beliebt. 5,5 Millionen Radreisende fuhren nach Angaben des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC 2018 durch Deutschland. Ein Grund für den Boom sind E-Bikes, die Touren leichter machen. An einem etwas windigen Sonne-Wolken-Tag sind auf dem Lahntal-Radweg etliche Familien mit Kindern unterwegs, Ehepaare mit Hundeanhänger, ein junges Pärchen: sie mit E-Bike, er mit dem Rennrad.

Kostenlos und still

Am Lahntal-Radweg zwischen der Lahnquelle und ihrer Mündung in den Rhein in Lahnstein liegen insgesamt zwei Radwege-Kirchen, 38 sind es am Elberadweg. Es müsste noch viel mehr Radwegekirchen geben, sagt der Tourismus-Beauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Thomas Roßmerkel. „Der Radfahrer braucht einen Punkt, an dem er mal durchschnaufen kann“, und davon gebe es gar nicht so viele: Eine Burgbesichtigung zum Beispiel dauert lange und kostet gleich wieder Eintritt. Die Kirchen, und zwar insgesamt die offenen Kirchen, erfüllten für die Gesellschaft eine wichtige Aufgabe: „Sie sind ein Raum, wo man mal nichts zahlen und nichts leisten muss, wo man nicht bequatscht wird – wo man all dem Druck mal entkommt.“ epd

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