Vermischtes

Region als Herzstück einer glanzvollen Zeit

Archivartikel

Von Karl der Große bis Barbarossa: Rheinhessen und die Pfalz waren wichtige Zentren kaiserlicher Macht, wie eine neue Ausstellung im Landesmuseum Mainz zeigt.

Es geht los mit einem Klappstuhl – aber nicht irgendeinem. Raubgräber haben ihn 2013 bei Rülzheim aus dem Boden geholt, doch die Polizei ist ihnen auf die Spur gekommen. Experten identifizierten das Exponat mit den vergoldeten Silberblechauflagen, figürlich gestalteten Knaufen sowie Füßen in Form von Löwenpfoten schnell als spätantiken hochherrschaftlichen Reisestuhl. Ein Thron also, und weil so ein Thron immer exemplarisch für Herrscher, meist gar Kaiser steht, stehen auch drei solcher besonderen Stühle im Eingangsbereich der Ausstellung.

Einer ist nur ein römisches Fragment, der andere umso kostbarer – der Kaiserstuhl aus Goslar, aus Bronze zwischen 1060 und 1080 geschaffen, ganz wunderbar erhalten. „Ein sensationelles Werk“, schwärmt Bernd Schneidmüller, der wissenschaftliche Leiter der Ausstellung. Dabei zieht der Bronzestuhl gar nicht so viele Blicke auf sich. Schließlich funkelt, glitzert, strahlt und glänzt es in der Sonderschau so stark, dass Schneidmüller an anderen Stellen noch viel mehr schwärmen könnte.

Offiziell als „Ausstellung der Superlative“ angekündigt, vereint sie in der Tat Exponate, die es in dieser Zusammenstellung noch nie zu sehen gab und auf Jahrzehnte nicht mehr zu sehen sein werden. Besonders kostbar: der Codex Manesse. Mit 80 Millionen Euro versichert und von Polizisten mit Maschinenpistolen begleitet, hat die Universität Heidelberg die sonst im Tresor lagernde, zuletzt 2011 öffentlich gezeigte mittelalterliche Liederhandschrift begrenzt für sechs Wochen ausgeliehen. Von den um das Jahr 1300 entstandenen, farbig verzierten 426 beidseitig beschriebenen Pergamentblättern dürfen nur sechs Doppelseiten gezeigt werden. Jede Woche wird umgeblättert, danach nur noch eine Kopie gezeigt.

Handschriften und Hochkaräter

Das gilt für einige der kostbaren Handschriften und edlen Exponate – schließlich ist die Laufzeit der Ausstellung ungewöhnlich lang. Aber Dutzende von Hochkarätern sind immer zu sehen. Gold, Silber, Email, Edelsteine dominieren viele der mit dickem Panzerglas versehenen Vitrinen. Das prachtvoll gravierte und ziselierte Armreliquiar Karls des Großen aus dem Pariser Louvre zählt ebenso zu den Höhepunkten wie der berühmte Cappenberger Kopf – mit dem kurzgelockten Haupthaar, Kinn- und Schnauzbart sehr ähnlich dem Aussehen von Kaiser Barbarossa und bis heute gedeutet als erstes profanes Herrscherporträt seit der Antike. Oder erst das mit 147 Edelsteinen und Halbedelsteinen besetzte Adelheidkreuz – mit einem Spiegel verstärkt, erzeugt es einen besonderen „Wow“-Effekt.

Aber es geht nicht nur um höfische Pracht und Herrscherglanz, wenn das auch sicher die meisten Besucher anzieht. „Überregionale Strahlkraft“ erwartet daher der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf von der Ausstellung. Er will mit dem über drei Millionen Euro teuren Projekt Mainz als Ort für historische Sonderschauen etablieren. Man sieht nicht nur 294 Exponate von 81 Leihgebern, darunter dem Vatikan, auf 1200 Quadratmetern, sondern hört auch Waffengeklirr, Minnesänger, Glockengeläut. Das gehört zu Filmsequenzen und modernen Videoanimationen, die diese Reise in ein gar nicht finsteres Mittelalter unterhaltsam wie informativ machen. Und gut aufbereitete, ausführliche Erklärtexte und anschauliche Grafiken, oft ganze Wände umfassend, stellen den gesamten historischen Kontext klar.

Die Ausstellung heißt nicht ohne Grund „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“. Das Wörtchen „und“ sei „der Clou, das Alleinstellungsmerkmal“, betont Schneidmüller. Klar – es geht in erster Linie um die Kaiser Karl der Große, Heinrich II., Heinrich IV. und Heinrich V. sowie Friedrich I. Barbarossa. Dass Karl der Große hintereinander fünf Ehefrauen und dazu mindestens vier Geliebte hatte – auch solche Details fehlen nicht.

Furcht und Liebe

Aber was heißt es, im Mittelalter Kaiser zu sein? „Ein Kaiser musste Furcht verbreiten und Liebe auf sich ziehen,“ so Schneidmüller, „und Konsens stiften“. Er sei eben nicht nur Herrscher von Gottes Gnaden, der allein auf Befehl und Gehorsam bauen könne, sondern auf einen „Wirkverbund“ angewiesen. So nennt Schneidmüller das Netzwerk, das er besonders darstellen will und was erstmals so deutlich wird: „Wir sind hier die europäische Zentralregion“, formuliert es Minister Wolf, wo wichtige Vasallen und Wegbereiter der Macht, die Fürsten, Bischöfe und Ritter, leben. „Hier war das Herzstück des Reiches“, sagt Schneidmüller.

Für den Heidelberger Professor bedeutet dieser Aspekt seiner Ausstellung auch bewusst eine „Wiederentdeckung der Heimat“. Die Besucher sollten „ein Gespür für den Raum“ bekommen. Denn angefangen bei den Karolingern und Ottonen über die Salier bis zu den Staufern ist die Region von Mainz bis Speyer im Mittelalter über Jahrhunderte die zentrale Herrschaftsbasis der Dynastien.

Hier liegt, wie der Chronist Otto von Freising im 12. Jahrhundert schreibt, die „größte Kraft des Reichs“, hier halten die – seinerzeit ja von Kaiserpfalz zu Kaiserpfalz reisenden – Regenten besonders oft und gerne Hof. „Wir hatten hier die wirtschaftliche Stärke, Hoflager, Reichstage und Kirchensynoden auszurichten“, verweist Minister Wolf darauf, dass die Äcker der Rheinebene dazu eben die nötigen Früchte tragen. Wie viele Schweine, saugende Ferkel, Hähne, Kühe, Eier und Fuder Wein die Bauern stets abzuliefern haben, machen die Ausstellungsmacher anschaulich – denn bei allem Glanz haben sie die Situation von Bauern und Tagelöhnern nicht vergessen.

Manche Strukturen von damals gelten noch heute. Es ist Karl der Große, der die Erzbistümer Mainz, Trier und Köln bildet, ihnen alle anderen Bistümer unterordnet und der Klöster – wie das in Lorsch – fördert, die wichtige Wegbereiter regionaler Entwicklung darstellen. Oder es ist Heinrich IV, der 1074 Zollfreiheit für „Juden und andere Wormser“ verfügt – die Originalurkunde ist hinter dickem Glas zu bestaunen. Dazu zeigen faszinierende, moderne 3D-Rekonstruktionen, wie Speyer und Worms zu jener Zeit dank kaiserlicher Privilegien zu selbstbewussten Kommunen anwachsen.

Die mit der Krönung Karls des Großen im Jahr 800) beginnende Ausstellung endet 1356 mit der „Goldene Bulle“, dem Grundgesetz des Mittelalters. Es regelt Wahl und Krönung von Königen und Kaisern durch die sieben Kurfürsten – darunter dem Pfalzgraf bei Rhein. Bis 1806 hat es Gültigkeit, und erstmals nach 225 Jahren kommt ein Exemplar der „Goldenen Bulle“ wieder nach Mainz zurück. Und zum Abschluss macht ein Lichteffekt die Heimat der Kurfürsten deutlich – ein schöner Gag.

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