Vermischtes

Kandel Nach Mord an 15-jähriger Mia wird Urteil im September erwartet / Kundgebungen und Politikerbesuche begleiten die bisher zehn Verhandlungstage

Riesiges Interesse am Prozess ohne Publikum

Archivartikel

Landau.Imposant steht das Gerichtsgebäude im pfälzischen Landau mit seiner mächtigen Kuppel im fahlen Schein der Augustsonne. „Nichtöffentliche Hauptverhandlung“ heißt es lapidar auf dem Zettel neben einer Tür. Dahinter verhandelt die Jugendkammer I seit Juni ohne Publikum ein Verbrechen, das bundesweit für Aufsehen sorgte und in den Sog des Streits über deutsche Flüchtlingspolitik geriet: den Mord an einer 15-Jährigen in Kandel.

Nach bisher zehn Sitzungstagen könnte im September ein Urteil fallen. „Es ist einer der aufsehenerregendsten Prozesse des ganzen Jahres in ganz Deutschland“, hatte Gerichtssprecher Robert Schelp zum Auftakt gesagt. Vor Gericht steht Abdul D. – der wohl aus Afghanistan stammende Flüchtling soll im benachbarten Kandel Ende Dezember seine Ex-Freundin Mia erstochen haben. Für Landau ist es ein Prozess der Superlative, mit großen Sicherheitsvorkehrungen, die den Beschuldigten, die Prozessteilnehmer und das Gericht schützen sollen.

Das öffentliche Interesse ist gewaltig, die Berichterstattung aber schwierig. Denn es ist ein Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Als Abdul D. der Anklage zufolge in einem Drogeriemarkt mit einem Brotmesser sieben Mal zugestochen haben soll, war er wohl minderjährig. Und Jugendstrafrecht wird ohne Publikum verhandelt.

Bürgermeister bei Steinmeier

Seit Prozessbeginn wird dies in der Öffentlichkeit und in der Presse hinterfragt. Im Grunde sei es ein Prozess wie jeder andere, sagt Gerichtssprecher Schelp. Doch das stimmt nur zum Teil. Der Tatort Kandel ist zu einem Kampfbegriff im Konflikt um die deutsche Migrationspolitik geworden. Immer wieder kommt es zu Kundgebungen rechtsgerichteter Gruppen und zu Gegenveranstaltungen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing demonstrativ Kandels Bürgermeister Volker Poß (SPD) in Berlin. Und unlängst reiste Grünen-Parteichef Robert Habeck nach Kandel. „Die politische Dimension, die hier reininterpretiert wird, die kommt von außen“, sagte Schelp vor kurzem.

Die Anklage geht bei der Tat von Mord aus und wirft Abdul D. vor, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt zu haben. Seine Motive sollen Eifersucht und Rache gewesen sein. Der Prozess ist derzeit bis zum 10. September terminiert. Der Angeklagte hatte seinem Anwalt zufolge zum Prozessauftakt am 18. Juni Reue bekundet.

Als Höchststrafe drohen ihm zehn Jahre Haft nach Jugendstrafrecht – und bei einer „besonderen Schwere der Schuld“ als Höchstmaß 15 Jahre. Das anstehende Urteil werde aber wohl noch nicht das Ende sein, meint ein Prozessbeobachter: „Es wäre erstaunlich, wenn es keine Revision gäbe.“ dpa