Vermischtes

Gesellschaft In Deutschland gibt es immer weniger Chöre – dafür werden freie Gruppen beliebter

Rudelsingen hat Konjunktur

Archivartikel

Gera.Synthie-Streicher und gehauchte Liebesschwüre: „Reality“, der Hit aus dem 80er-Jahre-Film „La Boum – Die Fete“, ist ein Paradebeispiel für schönen Kitsch. Es ist eines der Lieder, das beim „Rudelsingen“ gerade besonders beliebt ist – einer Veranstaltungsreihe, bei der sich regelmäßig Hunderte Menschen an vielen Orten Deutschlands zum gemeinsamen Singen treffen. Auch in Ludwigshafen und Mannheim trafen sich zuletzt Mitte März Sangeslustige zum Rudelsingen.

Während manchen klassischen Chören im ländlichen Raum die Mitglieder ausgehen, haben freie Singgruppen Zulauf. Dort gibt es meist kein klassisches Chor-Material, sondern alte Hits. Wenn man zum Rudelsingen geht, ist Mitsingen Pflicht. Die Texte werden auf eine Leinwand projiziert, gesungen wird im Stehen, angeleitet von einem Gruppenleiter und einem Begleitmusiker.

Oft negative Erinnerungen

Zu den Rudelsingen-Veranstaltungen kommen pro Monat verteilt über Deutschland etwa 10 000 Menschen, wie der Gründer David Rauterberg erzählt. Die Besucher seien zwischen 30 und 70 Jahre alt. Es ist nicht das einzige freie Singformat, das in den letzten Jahren aufgekommen ist. Kneipenchöre, „Sing Dela Sing“ oder der „Ich-kann-nicht-singen-Chor“ sind weitere Beispiele. Zum Vergleich: 56 000 Chöre gab es nach Angaben des Deutschen Musikrats 2018 in Deutschland, rund sechs Prozent weniger als noch 2015.

Seit etwa zehn Jahren kommen immer mehr spontane Sängerformationen dazu, sagt Moritz Puschke, künstlerischer Leiter des Deutschen Chorverbands. Seine Einschätzung: „Das wird noch mehr Konjunktur bekommen.“ Puschke hat in Berlin den „Ich-kann-nicht-singen-Chor“ ins Leben gerufen. Im Prinzip könne jeder singen. Das Problem seien nicht schiefe Töne, sondern, dass viele Menschen negative Erinnerungen ans Singen haben. Der Klassiker: Vorsingen vor der Klasse im Musikunterricht. Beim Rudelsingen kann man solche Traumata überwinden. „Je mehr Leute, desto weniger fallen falsche Töne auf“, so Rauterberg. Und es kommen viele – zur letzten Veranstaltung in Bielefeld etwa 1000 Menschen.

„Der Mensch sucht nach Gemeinschaft“, sagt Puschke. „Wir erleben in unserer Gesellschaft einen Trend zur Vereinsamung und Vereinzelung. Da bekommt das gemeinschaftliche Singen eine große bindende Funktion.“ dpa