Vermischtes

Musik Auftritte von Künstlern verboten / Kreml lenkt erstmals ein

Russische Polizei gegen Jugendkultur

Moskau/Woronesch.Seit Wochen drangsalieren die Behörden in Russland einheimische Rap-Musiker und andere Vertreter der Jugendkultur – jetzt pfeift der Kreml die Polizei erstmals zurück. „Wenn es mit Konzertverboten endet, ist das eine Dummheit“, sagte der Vizechef des Präsidialamtes, Sergej Kirijenko, gestern in Moskau. „Mit der Jugendkultur muss man arbeiten können“, forderte der für Innenpolitik zuständige Kremlbeamte beim Parteitag der Regierungspartei Geeintes Russland.

Vorwurf: Drogen verherrlicht

Erst am Donnerstag hatte die Polizei erneut einen Auftritt des Gothic-Rap-Duos Ic3peak in der Provinzstadt Woronesch auf wenige Minuten begrenzt, wie das Internetportal Mediasona berichtete. Tags zuvor hatte die Staatsanwaltschaft in Petrosawodsk in Nordrussland einen Club gezwungen, den Auftritt des Rappers Gone.Fludd abzusagen.

Der Kreml verfolge die Vorgänge aufmerksam, sagte auch der Sprecher von Präsident Wladimir Putin. Anders als Kirijenko bewertete Sprecher Dmitri Peskow das Vorgehen der Behörden aber nicht. Seit Wochen haben Rapper, Hip-Hop-Musiker und andere Künstler Konzerte absagen oder verkürzen müssen. Die Behörden halten ihnen vor, angeblich Drogen und Suizid zu verherrlichen oder zu Extremismus aufzurufen.

Besonders Ic3peak hat bei einer ausgedehnten Tournee fast in jeder Stadt mit Schikanen zu kämpfen. „Wir sind geradezu ein Supersymbol geworden“, sagte Sängerin Anastassija Kressilina im Interview mit Mediasona. Vermutlich reagieren die Sicherheitsbehörden damit auf den Song „Es gibt keinen Tod mehr“. Darin singt Kressilina: „Ganz Russland schaut auf mich. Soll alles brennen, soll alles brennen!“ Nach dem Kurzkonzert standen die Fans auf der Straße und sangen nach Augenzeugenberichten den neuen Hit von Ic3peak – und dann die russische Nationalhymne. Im November hatte der Rapper Husky zwölf Tage Arrest absitzen müssen, weil er nach Absage eines Konzerts improvisiert auf einem Autodach aufgetreten war.

Das Misstrauen der Führung gegen die Jugend hat sich verstärkt, seit 2017 Hunderttausende für den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny auf die Straße gegangen sind. Kirijenko nahm einerseits die Jugend in Schutz. „Ihr wichtigstes Ziel ist es, sich selbst zu verwirklichen“, sagte er. Andererseits forderte er Schulen, den Staat oder auch die Partei Geeintes Russland auf, Jugendlichen mehr Orientierung zu geben. dpa