Vermischtes

Gesellschaft Mudlarking entwickelt sich in Großbritannien immer mehr zum Trend

Schatzsuche im Schlamm der Themse

Archivartikel

London.Hier die Scherbe eines römischen Gefäßes, dort eine jahrhundertealte Münze: Die Themse, die sich majestätisch durch London schlängelt, lädt aufmerksame Beobachter an ihren Ufern zu einer Zeitreise ein. Mudlarking heißt ein Trend in Großbritannien, der immer mehr Fans findet. Mitten in der Hauptstadt wird im Schlamm der Themse nach kleinen Schätzen gesucht – und das überaus erfolgreich.

„Die Themse hier war schon zu Zeiten der Römer der große Müllplatz. Was man nicht mehr brauchte, wurde in den Fluss geworfen“, erklärt Archäologin Vanessa Bunton von der gemeinnützigen Organisation Thames Explorer Trust bei einer Führung. Durch die Gezeiten werden regelmäßig die Abfälle der früheren Bewohner Londons vom Grund aufgewirbelt und ans Ufer gespült. Darunter sind beispielsweise auch Gegenstände aus dem Mittelalter und dem viktorianischen Zeitalter, als die industrielle Revolution schon ihre Folgen zeigte.

Viele Funde bei Bauarbeiten

Zu den häufigsten Fundstücken gehören Tonpfeifen, die vor Hunderten von Jahren – bereits mit Tabak gestopft – verkauft wurden. Nach dem Rauchen wurden sie weggeworfen; manche bezeichnen sie daher auch als Vorgänger der Zigaretten. „Der Tabak kam aus Amerika und war anfangs sehr teuer. Die Pfeifen waren daher zuerst ganz klein und wurden erst später größer“, erklärt Bunton. Manchmal sind komplette Pfeifen zu finden, Teile davon liegen in großen Mengen am Ufer. „Die Arbeiter an der Themse kürzten die langen Stiele, damit sie besser arbeiten konnten.“

In den vergangenen Jahrhunderten sei nicht nur viel geraucht, sondern auch getrunken worden, schildert Bunton: „Das stammt von einer dunkelgrünen Weinflasche und ist etwa 300 bis 350 Jahre alt“, sagt sie nach einem kurzen Blick auf eine der vielen Glasscherben am Ufer.

Auch in der Umgebung der Themse, die früher breiter war, und ihrer teils unterirdischen Zuflüsse stoßen Experten auf Historisches. Vor allem bei Bauarbeiten kommt das römische Londinium, so der frühere Name Londons, zutage. So steht etwa die Europa-Zentrale des US-Medienunternehmens Bloomberg auf römischen Ruinen. Bei den Ausgrabungen für das Gebäude im Finanzviertel sicherten Archäologen mehr als 14 000 Gegenstände wie lederne Schuhe und über 400 handbeschriebene Holztafeln, darunter einen knapp 2000 Jahre alten Schuldschein. Rund 600 der Fundstücke sind in einer Ausstellung im Gebäude zu sehen. Sie seien wegen der feucht-schlammigen Bodenverhältnisse „außerordentlich gut“ erhalten, so Sophie Jackson vom Museum of London Archaeology.

Schädel und Messergriff

Von solchen Entdeckungen sind die meisten Mudlarker weit entfernt, doch Faszinierendes fördern auch sie zutage. Was ist für Bunton der beste Fund, den sie am Ufer gemacht hat? „Ein 500 Jahre alter Messergriff aus dem Knochen eines Kalbs“, schwärmt sie. Das Mudlarking mache ihr auch deshalb Spaß, weil die Themse sich regeneriere. „Es gibt zum Beispiel wieder Seehunde.“ Die Zeit des „Großen Gestanks“ sei längst vorbei. So nennen die Briten den heißen Sommer im Jahr 1858: Damals war der Gestank wegen der Abwässer, die in den Fluss geleitet wurden, unerträglich.

Entstanden ist das Mudlarking im 18. Jahrhundert, als arme Kinder am Ufer nach Strandgut wie Brennholz und Seilen suchten. Inzwischen ist es ein populäres Hobby, das durch eine Publikation noch einen Schub bekommen hat: Lara Maiklem hat mit dem Buch „Mudlarking“ einen Besteller geschrieben. Seit 15 Jahren sucht sie im Themse-Schlamm nach Ungewöhnlichem: Ihre Fundstücke reichen von römischen Ringen bis zu einem 300 Jahre alten Schädel, den sie „Fred“ nannte. Er werde jetzt von Forensikern untersucht, berichtete Maiklem. dpa

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