Vermischtes

Wissenschaft Deutscher Eisbrecher treibt ab kommendem Jahr für 350 Tage durchs Nordpolarmeer / Messungen zur Erderwärmung

Schiff lässt sich einfrieren

Archivartikel

Berlin.Bei klirrender Kälte fernab jeder Zivilisation auf einer Eisscholle sitzen – für die allermeisten Menschen ist das sicher eine Horrorvorstellung. Markus Rex bekommt leuchtende Augen, wenn er darüber spricht. „Wir haben Großes vor“, schwärmt der Koordinator der zweifellos größten Arktis-Expedition aller Zeiten gestern bei der Vorstellung des Projekts in Berlin.

Unter der Leitung des Bremerhavener Alfred-Wegner-Instituts wird der deutsche Forschungseisbrecher „Polarstern“ im September des kommenden Jahres Richtung Sibirische See auslaufen, um dann 350 Tage lang eingefroren durch das Nordpolarmeer zu driften. Die Fachwelt erhofft sich davon bahnbrechende Erkenntnisse über den Klimawandel.

17 Nationen beteiligt

Historisches Vorbild der Mission ist die Expedition des norwegischen Polarforschers Friedtjof Nansen, der fast auf den Tag genau vor 125 Jahren mit seinem hölzernen Segelschiff „Fram“ aufbrach, um mit Hilfe der natürlichen Kraft des Meer-Eises den geografischen Nordpol zu erreichen. Obwohl er dieses Ziel verfehlte, gilt seine Expedition bis heute als die mutigste und erfolgreichste in der Geschichte der Polarforschung. Auch, weil Nansen für seine Untersuchungen damals praktisch nur Wasserschöpfer und Thermometer zur Verfügung standen.

Dagegen ist die Neuauflage wahrlich ein Projekt der Superlative: 17 Nationen sind daran beteiligt. Insgesamt 600 Forscher und Besatzungsmitglieder werden sich während der Expedition an Bord abwechseln. Vier Eisbrecher aus Russland, Schweden und China sollen den Personalaustausch sicherstellen und die „Polarstern“ mit Treibstoff versorgen.

Denn auch wenn die Maschinen abgestellt sind, muss das Schiff beheizt und die Elektronik am Laufen gehalten werden. Und weil von Februar bis Juni selbst Eisbrecher nicht mehr durchkommen, braucht es auch eine Landebahn für Versorgungsflugzeuge. Insgesamt 120 Millionen Euro kostet die Mission. Zum größten Teil werden diese Mittel vom Bundesforschungsministerium getragen.

Doch wozu der Mega-Aufwand? „Die Arktis ist das Epizentrum der globalen Klimaerwärmung“, erläuterte Rex. Kein Erdteil erwärme sich schneller. Forscher rechneten dort bis zum Ende des Jahrhunderts mit einem Temperaturanstieg zwischen fünf und 15 Grad. Dabei sei die Arktis „die Wetterküche für unsere Breiten“, so Rex. Zugleich gebe es aber nach wie vor „viele Datenlücken“, ergänzte die Direktorin des Alfred-Wegner-Instituts, Antje Boetius.

„Brauchen diese Daten dringend“

Tatsächlich wurden die Erkenntnisse bislang vornehmlich im arktischen Sommer gewonnen. Mit der geplanten Mission soll nun auch das Klimageschehen im arktischen Winter umfassend beleuchtet werden. Dazu wird rund um die Polarstern ein kilometerweites Netzwerk von Messstationen entstehen, in denen kleine Forschergruppen arbeiten.

Mit den gewonnenen Informationen können dann verlässlichere Prognosen zur Erderwärmung gegeben werden. „Wir brauchen diese Daten dringend, um die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels genauer zu verstehen“, betonte Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU).

Bliebe noch die Frage, ob die Polarstern auch den Nordpol erreichen soll, was Nansen einst versagt blieb. Das sei kein wissenschaftliches Ziel, antwortete Rex. „Das Eis driftet, wie es driftet. Aber wenn wir über den Pol driften, gibt‘s ne große Party“, versprach der Klimaforscher.