Vermischtes

Szene Tausende Teilnehmer feiern Christopher Street Day in Stuttgart / Am Umzug nimmt auch „Tatort“-Darstellerin Christine Urspruch mit

Schrille Parade für mehr Akzeptanz

Archivartikel

Stuttgart.Sie trugen bunte Engelsflügel, liefen auf Stelzen oder kamen in Lack und Leder: Mit schrillen Kostümen und bunten Flaggen haben Tausende Menschen am Wochenende in Stuttgart bei der Parade zum Christopher Street Day (CSD) gefeiert. Menschen, die lesbisch, schwul, bisexuell oder auch Transgender sind, zogen dabei ab Samstagnachmittag unter dem Motto „Expedition wir“durch Stuttgart. Der Umzug setzte sich begleitet von Regenbogenfahnen und hupenden Motorrädern in Bewegung, wie Christoph Michl, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft CSD, sagte.

Er sprach von mehr als 6500 bis 7000 Teilnehmern – deutlich mehr als erwartet. Es gab demnach 93 Zugnummern bei der Parade für Gleichstellung. Den Veranstaltern zufolge schauten rund 175 000 Menschen am Straßenrand zu. „Happy Pride!“ twitterten die Veranstalter.

Erinnerung an Straßenschlachten

Der CSD steht im deutschsprachigen Raum für das Selbstbewusstsein Homosexueller und ihren Widerstand gegen Diskriminierung. Im Englischen spricht man meist von „Pride“-Paraden. Der Tag erinnert an Vorfälle um den 28. Juni 1969 in New York. Nach einer Polizeirazzia in der Bar „Stonewall Inn“ kam es zum Aufstand von Schwulen, Lesben und Transsexuellen mit Straßenschlachten in der Christopher Street.

Meteorologen hatten zwar vor Gewittern gewarnt, das Wetter hielt jedoch. Nach Polizeiangaben von gestern blieb bis zum Schluss alles friedlich. „Das ist ein super Ergebnis“, sagte Michl. Gestern sollte es noch ein Straßenfest – eine „Hocketse“ – mit Künstlern und Musik in der Innenstadt geben. Mit Engelsflügeln in Regenbogenfarben und einem passenden Fächer feierte am Samstag auf einem der Wagen ein prominenter Gast mit: Schauspielerin Christine Urspruch fuhr mit, weil sie beim CSD für die ZDF-Serie „Dr. Klein“ drehte.

„Es ist mein erster CSD, den ich live erlebe“, sagte die 47-Jährige. „Ich nehme ja gleich doppelt daran teil – als Rolle und Privatperson.“ Urspruch spielt in der Vorabendserie „Dr. Klein“ die leitende Oberärztin Valerie Klein an einer Stuttgarter Kinderklinik. Was ist anders beim CSD als Drehort? Zum einen der Wechsel zwischen Arbeit und Event, sagte Urspruch, die nach eigenen Angaben immer wieder von Fans angesprochen wurde. „Es ist alles gut vorbereitet, dennoch ist der eigentliche Drehmoment wahnsinnig improvisiert“, bemerkte sie.

„Der Christopher Street Day verbindet Party mit politischer Demonstration“, stellte die Schauspielerin fest, die auch aus dem Münster-„Tatort“ bekannt ist. „Ein guter Weg, um sich Gehör zu verschaffen und in unseren Köpfen etwas zu bewegen –mit Leichtigkeit und Tiefgang.“ Ebenso verschieden wie die Teilnehmer waren ihre Kostüme: Zu sehen waren etwa Männer in pinken Röcken und passenden Perücken, die auf einem Oldtimer durch die Stadt fuhren. Ein anderer Teilnehmer brauchte nur zwei Kleidungsstücke: eine blaue Lack-Unterhose und riesige bunte Engelsflügel. Andere kamen mit Tiermasken und hielten Schilder hoch mit der Aufschrift: „Make Stuttgart kinky again“ (Mach Stuttgart wieder pervers).

„Das Verbindende aufzeigen“

Mit dem Motto „Expedition Wir“ sei die Gesellschaft als Ganzes gemeint, betonte Michl. Nach der rechtlichen Gleichstellung sei es wichtig, für Zusammenhalt zu werben. „Das gesellschaftliche Klima ist stark aufgeladen, insofern wollen wir auch das Verbindende aufzeigen.“ Man sehe den ersten CSD nach der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare als Chance, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen, hieß es.

Zehntausende Menschen haben gestern in Berlin den 40. Christopher Street Day gefeiert. Die Veranstalter sprachen von rund 600 000 CSD-Teilnehmern, die Polizei gestern von mehreren Zehntausend. Am Abend brachen die Veranstalter die Abschlussfeier jedoch vorzeitig ab, weil Behörden vor Unwetter gewarnt hatten. Wie die Polizei mitteilte, starb ein Mann auf der Strecke. Hinweise auf Fremdverschulden gab es nicht.

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