Vermischtes

Gesellschaft Dutzende Frauen wehren sich gegen einflussreiche Kollegen / Zensoren wollen Protestbewegung stoppen

Sexismus-Debatte erreicht China

Archivartikel

Peking.Ein TV-Star, ein Pilot, ein ehemaliger Badminton-Profi, ein Journalist und ein Umweltaktivist. Das sind nur einige einflussreiche Männer, die im bislang größten Aufschrei der „#MeToo“-Bewegung in China unter Beschuss geraten sind. Das Schlagwort ist Symbol einer weltweiten Kampagne, die auf sexuelle Übergriffe aufmerksam macht und nun auch in der Volksrepublik an Kraft gewinnt. Trotz Zensur und Polizisten, die sich weigern, Anschuldigungen nachzugehen, sind innerhalb weniger Tage Dutzende Frauen mit Belästigungs- oder sogar Vergewaltigungsvorwürfen gegen Chefs oder Kollegen an die Öffentlichkeit gegangen.

Die jüngste Welle der Empörung hat sich über Abt Xuecheng entladen, der die Anschuldigungen zurückweist. Der Pekinger Mönch, der die Buddhistischen Vereinigungen Chinas führt, wird beschuldigt, mindestens sechs Nonnen zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben. Er habe gegenüber den Frauen angegeben, dass der Geschlechtsverkehr Teil ihres Studiums der buddhistischen Lehre sei. Das steht in einem Bericht, den zwei Mitmönche schrieben und der gestern bis zur Löschung durch die Zensurbehörden in sozialen Netzwerken kursierte.

Im Zentrum des jüngsten Sturms steht auch Zhu Jun, ein Moderator des chinesischen Staatssenders CCTV. In einem anonymen Brief wird Zhu Jun, der sich bislang zu den Vorwürfen nicht geäußert hat, nun beschuldigt, eine ehemalige Praktikantin in seiner Garderobe bedrängt zu haben – bis plötzlich ein Talkshow-Gast den Raum betreten habe.

Suchbegriff „MeToo“ zensiert

In einem weiteren Fall beschuldigt die Shanghaier Produzentin Yi Xiaohe einen bekannten Journalisten, sie sexuell belästigt zu haben. Obwohl mittlerweile sechs Frauen ähnliche Vorwürfe gegen Zhang Wen erhoben haben, sagt er, dass das alles im gegenseitigen Einverständnis geschehen sei. „Sich zu küssen und zu umarmen“ sei doch ganz normal in der Branche. „Ein einziger Funke kann ein großes Feuer auslösen“, schreibt die Betroffene Yi Xiaohe in einem wütenden offenen Brief.

Diese und andere Geschichten haben in den vergangenen Tagen Chinas soziale Medien geflutet. Doch anders als in den USA und Europa, wo durch die #MeToo-Kampagne eine breite Debatte über sexuelle Belästigung losgetreten wurde, bemüht sich Peking, das Thema unter den Teppich zu kehren.

Ein Magazin forderte seine Leserinnen vergangenen Woche dazu auf, ihre eigenen Geschichten von Übergriffen zu erzählen. Innerhalb von 24 Stunden wurde die Website mit mehr als 1700 Beiträgen gefüllt – und kurz darauf gesperrt. Der Suchbegriff „MeToo“ gehört zu den am striktesten zensierten Begriffen auf Wechat, dem populärsten sozialen Netzwerk des Landes. Staatsmedien erhielten zudem Anweisung, nicht mehr über das Thema zu berichten. Kritische Beiträge über CCTV-Star Zhu Jun sind längst wieder aus dem Netz verschwunden.

All das erinnert an die Bewegung der „fünf Schwestern“. Die Gruppe von Feministinnen wollte vor drei Jahren Flugblätter gegen sexuelle Belästigung in U-Bahnen verteilen. Die Frauen wurden festgenommen und über einen Monat lang eingesperrt. Erst nach einem internationalen Aufschrei der Empörung kamen sie frei.

Mit Anzeige gescheitert

Dass die Offiziellen wenig gelernt haben, zeigt auch der Fall der Studentin Renée Ren. Wie die 26-Jährige der Deutschen Presse-Agentur berichtete, hatte sie vergeblich versucht, eine Vergewaltigung durch einen Kommilitonen der Polizei zu melden. Die Beamten hätten sie davon abhalten wollen, Anzeige zu erstatten, worauf sie die Polizei der ostchinesischen Küstenstadt Qingdao verklagte. Die Folge von Rens Protest: Sie und ihre Eltern wurden für sechs Tage von Beamten in einem Hotel festgehalten. Ihr Vater verlor seinen Job.

„Kein Einzelfall“, sagte der Pekinger Anwalt Lu Xiaoquan. Er habe zuletzt viele Beschwerden von Frauen erhalten, die vergeblich versucht hätten, Verfahren gegen Männer zu erwirken, von denen sie sexuell belästigt worden seien.