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„Lindenstraße“ Serie bekommt eigene Sammlung in Berlin / Fernsehforscherin Klaudia Wick über den Stellenwert der Soap

Spiegel der deutschen Zeitgeschichte

Berlin.Mit der letzten Folge „Lindenstraße“ endet im März 2020 ein Stück Fernsehgeschichte. Die Deutsche Kinemathek in Berlin widmet der Serie, die seit 1985 sonntags ausgestrahlt wird, nun eine Sammlung. Das Museum hat dafür mit dem WDR und der Produktionsfirma GFF rund 370 von mehr als 1700 Folgen ausgewählt. Die Fernsehforscherin Klaudia Wick hat die ausgesuchten Folgen alle noch einmal geguckt.

Frau Wick, warum hat die „Lindenstraße“ für manche Kultstatus?

Klaudia Wick: Gute Serien machen das Angebot, über längere Zeit in eine zweite Welt einzutauchen. Viele Zuschauer mögen das. Und für die war die „Lindenstraße“ die Erfüllung eines Wunschs nach ständiger Verfügbarkeit: „Wann immer ich will, kann ich sehen, wie es Tanja Schildknecht geht. Ich bin dabei, wenn sie erwachsen wird, sehe wie sie Fehler macht. Freue mich, wenn sie daraus lernt.“ Das ist wie eine virtuelle Nachbarschaft.

Gibt es eine Folge, bei der Ihnen das Herz aufgeht?

Wick: Ja, die Folge, in der die Hausmeisterin Else Kling stirbt. Annemarie Wendl hat diese Figur 21 Jahre lang mit viel Witz und Herzenswärme gespielt. Und in der Folge 1069 schläft Else Kling ein, während sie ihre Lieblingsserie „Lindenstraße“ schaut. Das ist sehr emotional und zugleich selbstironisch erzählt. Else wird von einer Stimme im Off abgerufen und ist traurig, dass sie nun das Ende ihrer Serie verpasst. Wer die Stimme von Produzent Hans W. Geißendörfer kennt, weiß, dass er es ist, der sie beruhigt: „Es geht gut aus!“

Welche Folge muss man gesehen haben?

Wick: Für mich ist die Folge 224 besonders wichtig. Dass sich zwei Männer im deutschen Fernsehen einen Zungenkuss geben, war damals ein richtiger Aufreger. Ich kann mich daran noch gut erinnern. Als ich die Folge jetzt nach langer Zeit wieder gesehen habe, habe ich die Szene aus Versehen übersehen. Mir erschien dieser Kuss so beiläufig und selbstverständlich. Das hat mir klargemacht, wie sich der Zeitgeist verändert hat.

Was macht die Serie so wichtig, dass sie nun ins Museum kommt?

Wick: Die „Lindenstraße“ ist ein Stück bundesrepublikanische Zeitgeschichte. Produzent Geißendörfer hatte sich 1985 etwas Gewagtes vorgenommen: ein Gegenmodell zu Serien wie „Schwarzwaldklinik“ oder „Dallas“. Die Leute sollten den Fernseher anmachen und sich selbst wiedererkennen. Deshalb fragten auch die Kritiker: „Warum sollen wir das angucken? Wollen wir nicht im Fernsehen etwas Aufregenderes sehen als unser eigenes Leben?“ Aber gleichzeitig war die Serie ihrer Zeit oft voraus – vegane Ernährung zum Beispiel war schon 1995 ein Thema.

Nach 35 Jahren endet die Serie im Frühjahr. Macht Sie das traurig?

Wick: Ja, ich finde es schade. Man muss zugeben, dass die Serie nicht mehr die Einschaltquote hat wie früher in den Achtzigern. Es sind nicht mehr 14 Millionen Zuschauer, sondern vielleicht noch vier Millionen. Aber eine Serie, die so auf Dauer angelegt ist, hat andere Qualitäten als nur die momentane Popularität. Es wäre schön gewesen, wenn wir irgendwann mal auf 50 Jahre „Lindenstraße“ hätten zurückblicken können.

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