Vermischtes

Tabletten reichen nicht

Archivartikel

Schien Aids in den letzten Jahren zur chronischen Krankheit mit Überlebensperspektive zu werden, so kehrt nun der Schrecken zurück. In fast 50 Ländern der Welt steigt die Zahl der Neuinfektionen. Von den knapp 37 Millionen Menschen, die weltweit als infiziert gelten, werden nur 60 Prozent medizinisch behandelt. 1,8 Millionen Neuinfektionen im vergangenen Jahr lassen das Ziel der Vereinten Nationen, deren Zahl auf unter 500 000 pro Jahr zu senken, in weite Ferne rücken.

Mehr als bei den meisten Krankheiten hat das auch mit der sozialen Komponente der Infektion zu tun. In den Anfängen galt Aids als Seuche der Schwulen und Drogenabhängigen. Sie breitete sich aus, doch durch die Entwicklung antiviraler Medikamente wandelte sie sich fast zu einer schweren Krankheit wie andere auch. Jetzt kehrt die Epidemie zurück als Seuche der Armen und Stigmatisierten. Vor allem in Ostasien und Russland infizieren sich viele Menschen beim Spritzen von Drogen. Die Stigmatisierung von Homosexualität tut ein Übriges. Wer aber Angst vor Strafe hat, wird sich nicht freiwillig auf HIV testen lassen.

Mit Tabletten allein ist die Krankheit deshalb nicht zu bekämpfen. Zur medizinischen Behandlung gehört die Prophylaxe: freier Zugang zu Aids-Tests, Aufklärung, saubere Spritzen und Kondome. Viele Länder, in denen die Neuinfektionen steigen, brauchen Hilfen, um den Kampf gegen die Seuche zu gewinnen. Diese zu gewähren, ist durchaus im ureigenen Sinn der Industrienationen. Länder, die verelenden, weil Aids Familien zerstört, Regionen entvölkert und die Entwicklung der Wirtschaft verhindert, werden viele Menschen verlassen.