Vermischtes

Höxter-Prozess Paar soll jahrelang Frauen gequält haben – heute fallen die Urteile

Verteidiger: Das war abartig krank

Archivartikel

Höxter/Paderborn.Die Frage nach dem „Warum?“ ist in jedem Strafprozess einer der zentralen Punkte. Im Mordprozess um das „Horrorhaus“ von Höxter galt es, eine Reihe von Fragen zu beantworten. Wie gelang es den beiden Angeklagten, immer wieder Frauen in ihr Haus zu locken? Warum konnten sich so viele der Opfer nicht von Wilfried W. (48) und Angelika W. (49) lösen? Was führte zum Tod der beiden Frauen?

Unabhängig vom Urteil, das das Landgericht heute sprechen will, äußerten sich alle Prozessbeteiligten fassungslos über das Geschehen in Höxter. So nannte Peter Wüller, Verteidiger von Angelika W., die Taten eine systematische Entmenschlichung der Frauen. Die Opfer seien schlechter als Vieh behandelt worden. „Das war abartig, krank“, sagte der Anwalt. Nach Ansicht von Detlev Binder, der Anwalt von Wilfried W. hat sich der Blick auf die Angeklagten verändert: „Einer ist der Böse. Wilfried hält sich Frauen, um sie zu quälen. Am Anfang sahen alle Angelika als Opfer. Dann kippte die Stimmung, nachdem sich die Angeklagte über Tage selbst äußerte“, meint Binder. „Da waren plötzlich beide gleichberechtigt“, sagt er.

Eigenes System entwickelt

Dann folgte eine lange Phase der Ungewissheit. Das Gericht musste den Gutachter für Wilfried W. wegen Krankheit von der Aufgabe entbinden. Für ihn sprang die Gutachterin ein, die auch Angelika W. untersucht hatte. Nach deren Analyse hatte das Paar ein System entwickelt, um Frauen in die Falle zu locken. Angelika W. habe Züge von Autismus und könne kein Mitleid empfinden. Sexualität setze sie als Machtinstrument ein. Sie sei hochintelligent und extrem machtbewusst. Das zeigte sie immer wieder auch im Prozess, in dem sie nach ihren Regeln spielen lassen wollte.

Wilfried W. dagegen ist der Gutachterin zufolge im juristischen Sinne schwachsinnig. Er sei ständig auf der Suche nach Frauen für die große Liebe. Allerdings wisse er nicht, was das eigentlich bedeutet. „Schuld oder Verantwortung sind ihm nicht beizubringen“, sagte die Gutachterin Nahlah Saimeh in ihrer Stellungnahme. Wilfried W. sei nur vermindert schuldfähig und sollte in eine Psychiatrie eingewiesen werden. Ohne den jeweils anderen hätten die Misshandlungen in Höxter nicht funktioniert, sagte Saimeh.

Was genau war dieses System? Die beiden suchten sich meist Frauen, die psychisch labil waren und wenige soziale Kontakte hatten, wie im Prozess deutlich wurde. Die Opfer wurden durch sogenanntes Gaslighting gefügig gemacht. Sie wurden gezielt desorientiert und ihres Selbstbewusstseins beraubt. Angelika W. und Wilfried W. nahmen ihnen Geld, Handy oder Führerschein ab. Gab es Kontakte nach außen, wurden diese etwa durch SMS-Nachrichten torpediert und gekappt.

Manche Fragen bleiben offen

Opferanwalt Roland Weber verweist darauf, dass Wilfried W. bereits 1996 zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Nötigung. Er hatte seine damalige Ehefrau misshandelt und gequält. Weber zweifelt an einer verminderten Schuldfähigkeit von Wilfried W. Wie auch der Staatsanwalt fordert er für beide Angeklagten eine lebenslange Haftstrafe und zusätzlich die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Nicht alle Fragen konnten geklärt werden – so die genaue Todesursache des Opfers Anika W. Das Paar soll die Leiche 2014 in einer Tiefkühltruhe eingefroren, zerstückelt und verbrannt sowie die Asche verteilt haben. Über die Frage, ob der Tod des zweiten Opfers zu verhindern gewesen wäre, tobte im Gericht ein Gutachterstreit. Susanne F., ebenfalls aus Niedersachsen, starb 2016 im Krankenhaus – einen Tag, nachdem eine Autopanne der Angeklagten die Ermittlungen ins Rollen brachte. Sie wollten die Schwerverletzte auf der Rückbank ursprünglich nur in deren Wohnung zurückbringen.