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Kriminalität Europol-Chefin Catherine De Bolle über Verbrechen in der Corona-Zeit – und warum die EU-Staaten wachsam sein müssen

Warnung vor falschem Impfstoff

Archivartikel

Den Haag.Zum Start der Corona-Schutzimpfungen in Deutschland warnt die EU-Polizeibehörde Europol vor gefälschten Impfstoffen und Straftaten im Zusammenhang mit dem Vakzin. Im Interview sagt Europol-Direktorin Catherine De Bolle, warum sie jetzt ein Aufblühen der Organisierten Kriminalität fürchtet.

Frau De Bolle, Europa ist im zweiten Corona-Lockdown. Was heißt das für das internationale Verbrechen in der EU?

Catherine De Bolle: Wir sehen jetzt in der zweiten Welle, was wir schon in der ersten beobachtet haben. Die Organisierte Kriminalität ist sehr flexibel und nutzt alle Möglichkeiten, um in der Gesundheitskrise ihre Profite zu steigern und die Lage der Privatwirtschaft und verwundbarer Menschen auszubeuten – nicht zuletzt Kinder.

Wo sind Kriminelle in der Krise besonders aktiv?

De Bolle: Es sind vor allem drei Felder, die miteinander verknüpft sind: Zum Ersten ist es der Handel mit gefälschten oder minderwertigen Waren. Das betrifft etwa Schutzmasken, Medikamente, Sanitärprodukte. Kriminelle nutzen die große Nachfrage weiterhin aus. Zum Zweiten sehen wir viele Betrugsfälle, die von der Organisierten Kriminalität ausgehen. Und drittens geht es um Cyber-Kriminalität: Die Zunahme von sexuellem Missbrauch von Kindern im Internet macht uns in der Pandemie besonders große Sorgen.

Was passiert da?

De Bolle: Seit Beginn der Pandemie suchen Täter im Internet intensiver nach Material von sexuellem Kindesmissbrauch. Die Verbreitung von solchem Material ist jetzt viel größer als vor der Pandemie. Und die Täter versuchen, auch direkt Kinder zu kontaktieren, die zuhause während des Lockdowns länger im Internet sind als sonst und dabei oft nicht beaufsichtigt werden. Wir erleben einen starken Anstieg von solchem Online-Missbrauch.

Jetzt kommt der Corona-Impfstoff. Ein neues Feld für Kriminelle?

De Bolle: Ja. Wir haben den Mitgliedstaaten bereits eine Warnmeldung übermittelt und sie aufgerufen, sehr wachsam zu sein. Es besteht die reale Gefahr, dass kriminelle Gruppen versuchen werden, den Bedarf an Impfstoff für ihre Verbrechen auszunutzen.

Haben Sie schon Hinweise?

De Bolle: Wir haben bereits solche Hinweise. Es gibt schon Impfstoff-Angebote zum Beispiel in sozialen Netzwerken.

Geht es eher um Fake-Impfstoff oder um Hehlerware?

De Bolle: Angeboten wird Impfstoff, der entweder nach der Bezahlung nicht geliefert wird. Oder die Täter bieten gefälschten Impfstoff an – wenn man Opfer eines solchen Betrugs wird, kann das natürlich ernste gesundheitliche Folgen haben. Wir müssen auch auf Diebstahlsversuche vorbereitet sein. Im ersten Lockdown hatten es Banden zum Beispiel auf Schutzmasken-Transporte abgesehen. Das ist jetzt auch beim Impfstoff eine Gefahr. Europol versucht, auf Basis von Informationen der Mitgliedstaaten Trends zu erkennen. Außerdem gibt es eine spezielle Polizei-Kooperation in der EU, um die Transporte zu beschützen.

Was kann Europol noch tun gegen die Corona-Kriminalität?

De Bolle: Wir haben frühzeitig eine internationale Pandemie-Arbeitsgruppe aufgebaut, die die Lage in der EU fortlaufend beobachtet und analysiert, welche Lehren zu ziehen sind. Ich sitze dieser Arbeitsgruppe gemeinsam mit der italienischen Polizei vor. Ganz wichtig ist, jetzt zusammen mit den nationalen Polizeibehörden und anderen EU-Einrichtungen zu verhindern, dass die Organisierte Kriminalität auch auf die legale Wirtschaft übergreift. Wir müssen einen Missbrauch der neuen europäischen Aufbaufonds verhindern. Es ist große Vorsicht angebracht: Schon jetzt beobachten wir Fälle in einigen Mitgliedstaaten, bei denen Kriminelle im Zusammenhang mit den EU-Hilfen an Zuschüsse und Subventionen gelangen.

Ein Wachstumsprogramm für die Organisierte Kriminalität?

De Bolle: Es ist eine ernste Sorge. Wir haben das schon bei der Finanzkrise 2008 gesehen: Wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, stärkt dies kriminelle Organisationen. Sie sind sehr flexibel und entdecken schnell neue Felder, in denen sie aktiv werden oder investieren.

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