Vermischtes

Love-Parade Zehn Angeklagte stehen ab heute wegen Tragödie von 2010 vor Gericht

„Warum sind unsere Kinder gestorben?“

Düsseldorf.Julius Reiter wirkt angespannt. Der prominente Opfer-Anwalt blättert am Konferenztisch seines Büros hastig in Gerichtsakten. In seiner noblen Kanzlei gegenüber von Schloss Benrath im Düsseldorfer Süden bereitet sich der 53-jährige Advokat auf einen der größten Strafprozesse in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte vor. Sieben Jahre nach der blutigen Tragödie bei der Duisburger Loveparade wird das örtliche Landgericht ab heute gegen zehn Angeklagte wegen fahrlässiger Tötung verhandeln. Es sind Mitarbeiter der Stadt Duisburg und der Veranstalterfirma Lopavent, die auf der Techno-Party durch grobe Pflichtverletzungen eine Massenpanik ausgelöst haben sollen. Dabei wurden 21 Menschen getötet und 652 Besucher verletzt.

111 Verhandlungstage

Das bereits auf 111 Verhandlungstage bis ins Jahr 2019 terminierte Mammutverfahren wird in der benachbarten Landeshauptstadt stattfinden. Ein Kongresszentrum auf dem Düsseldorfer Messegelände wurde zum Gerichtssaal umgebaut, damit das Heer der Prozessbeteiligten ausreichend Platz findet. Hier werden nicht nur das Gericht, die Staatsanwälte und die zehn Angeklagten mit ihren 29 Anwälten sitzen. Zudem sind 60 Opfer und Hinterbliebene samt ihrer Prozessvertreter als Nebenkläger in dem Loveparade-Prozess zugelassen. Schließlich soll der Zuschauerraum an jedem Verhandlungstag mehr als 500 Besuchern und Medienvertretern Platz bieten.

„Für alle Beteiligten wird das der größte Strafgerichtsprozess ihres Lebens“, vermutet Reiter. Seit sieben Jahren betreut der Anwalt Hinterbliebene und Geschädigte der Loveparade-Katastrophe. Auf der Anklagebank sitzen nach Einschätzung von Reiter „relativ kleine Lichter“. Diesen Personen sei bei ihren Entscheidungen für die Genehmigung und Organisation der Loveparade aber „bewusst gewesen, dass es eine Katastrophe und Tote geben“ könne. Bei der Anklage gehe es nicht um „skrupellosen Mord“, erläutert Reiter, sondern um fahrlässige Tötung und Körperverletzung. Nicht angeklagt wurden der zwischenzeitlich abgewählte Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und der Geschäftsführer der Veranstalterfirma Lopavent, der schwerreiche Fitness-Unternehmer Rainer Schaller. Die Einstellung der Strafermittlungen gegen diese beiden Frontmänner des Techno-Spektakels ist für den Nebenkläger „kaum nachzuvollziehen“. Zu den Hauptangeklagten in dem Düsseldorfer Großverfahren zählt der zwischenzeitlich pensionierte Duisburger Planungsdezernent Jürgen Dressler.

Verjährung befürchtet

Ihm und fünf weiteren Rathausbeamten wirft die Staatsanwaltschaft vor, die vom Veranstalter beantragte Genehmigung für die Loveparade auf dem alten Duisburger Güterbahnhofgelände erteilt zu haben, „obwohl auch sie hätten erkennen müssen, dass die Veranstaltung wegen der schwerwiegenden Planungsfehler undurchführbar und daher nicht genehmigungsfähig war“. Den vier Lopavent-Mitarbeitern wird in der Anklage zur Last gelegt, dass es bei dem von ihnen viel zu engflächig konzipierten Zu- und Abgangssystem zum Festivalgelände „zwangsläufig zu lebensgefährlichen Situationen kommen musste“. Die Angeklagten weisen die Anklagevorwürfe rundum zurück.

Nachdem im Vorfeld etwa durch die Einholung immer neuer Sachverständigen-Gutachten viel Zeit verstrichen ist, droht während des Loveparade-Verfahrens die absolute Verjährung. Falls die Richter in dem Sondergerichtssaal auf dem Düsseldorfer Messegelände nicht bis zum 24. Juli 2020 ein Urteil verkünden, müsste der Strafprozess eingestellt werden. Deshalb befürchten die Nebenklagevertreter eine Verzögerungstaktik auf Seiten der Angeklagten. Die Hinterbliebenen erhofften sich von dem Prozess vor allem die Beantwortung einer Frage: „Warum sind unsere Kinder gestorben?“