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Geburtstag Plastinator Gunther von Hagens 75 Jahre alt / Mit „Körperwelten“ berühmt geworden

„Wir haben eher zu viel Leichen im Keller“

Heidelberg.An diesem Morgen ist Gunther von Hagens nicht in bester Verfassung. Die Sprache des Mediziners, die wegen seiner Parkinsonerkrankung schon undeutlich ist, ist noch weniger verständlich als sonst. Seine zweite Ehefrau Angelina Whalley und sein Sohn Rurik von Hagens (38) dolmetschen. „Ich habe drei Fehler gemacht“, sagt selbstironisch der Mann mit dem Markenzeichen eines schwarzen Hutes, der am Freitag 75 Jahre alt wird. „Ich habe zu lange familiäre Gemeinschaft geübt, zu wenig geschlafen und Kuchen gegessen.“ Hagens hielt bis vor wenigen Jahren Schlafen für Zeitverschwendung. Heute bremst die Krankheit den Wissenschaftler aus.

Doch der wegen seiner Ausstellungen von plastinierten Leichen umstrittene Anatom ist noch nicht im Ruhestand; er feilt an der Plastination, einer Konservierungsmethode, die er hat patentieren lassen. Sie basiert auf dem Austausch des Körperwassers durch Aceton und einem Entzug des Acetons mit anschließendem Zuführen in einer Vakuumkammer. Zuvor mussten sich Studenten mit Wachsmodellen oder in Formaldehyd eingelegten Präparaten begnügen, um den menschlichen Körper zu erforschen.

Den Körper oder Teile davon auf diese Weise von innen zu stabilisieren und damit Muskeln, Knochen und innere Organe geruchlos und trocken für den Betrachter sichtbar zu machen, ist seine Lebensaufgabe. Derzeit entwickelt er neue Kunststoffe, die bei hoher Stabilität selbst die winzigsten Gefäße im Detail zeigen. Dafür experimentiert er mit Schweinenieren und kehrt damit zu seinen Ursprüngen in Heidelberg zurück. Am Institut für Anatomie der dortigen Universität erfand er 1977 die Plastination. Sein erstes konserviertes Organ war damals eine Niere.

Daraus entstanden Jahrzehnte später die „Körperwelten“, Ausstellungen mit Ganzkörperplastinaten beim Schachspielen, Sport oder Sex. Für manche überschreitet er damit eine rote Linie, andere können sich der Ästhetik der Objekte und ihrem morbiden Charme nicht entziehen.

Bis heute haben laut Veranstalter 50 Millionen Menschen die Wanderausstellungen und vier Dauerausstellungen besucht. Die Zurschaustellung der menschlichen Präparate entspringt der Idee der „Demokratisierung der Anatomie“, sagt von Hagens. „Tod und Anatomie waren lange ein Privileg etablierter Mediziner, die hinter verschlossenen Türen vor sich hin werkelten.“

Erste Ausstellung 1995 in Tokio

Der Mann hat sich weder von Rechtsstreitigkeiten noch von Kirche und Politikern einschüchtern lassen. Die Kritik macht sich vor allem an der Störung der Totenruhe fest – laut von Hagens ein unzutreffendes Argument: „Die Totenruhe ist ein Begriff aus einer Zeit, als man nicht mit 100-prozentiger Sicherheit wusste, wann ein Körper tot ist. Damit wollte man vermeiden, dass jemand lebendig begraben wird.“

Trotz der Diskussion über den Umgang mit Tod und Toten strömen die Menschen in die „Körperwelten“. Die erste Ausstellung 1995 im National Science Museum in Tokio war ein Publikumsmagnet. Es kamen mehr als 450 000 Besucher in vier Monaten. Die Mannheimer „Körperwelten“ besuchten 1997/98 in vier Monaten 780 000 Gäste. Von Hagens pendelt zwischen Heidelberg, wo seine Frau die Ausstellungen organisiert, und dem brandenburgischen Guben. Im dortigen Plastinarium stellen 46 Mitarbeiter Plastinate vor allem für universitäre Zwecke her. Die Herstellung warf Fragen auf, ob es für alle Spenden zu Lebzeiten die Einwilligung gibt. Das bejaht das Paar und verweist auf die 19 000 Spender, die sich notariell hätten registrieren lassen. Von Hagens: „Wir haben eher zu viel als zu wenig Leichen im Keller.“ (dpa)

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