Vermischtes

Gesellschaft Viele, die in den Westen ausgewandert sind, kehren in ihre alte Heimat zurück / Niedrige Immobilienpreise ein Grund

Zurück nach Ostdeutschland

Archivartikel

Berlin.Erstmals seit dem Mauerfall ziehen mehr Deutsche vom Westen in den Osten der Republik als umgekehrt. Laut Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gewinnt Ostdeutschland Einwohner – wenige zwar, doch immerhin seit drei Jahren durchgängig. Forscher sprechen bereits von einer Trendwende. Unter jenen, die es in den Osten zieht, sind auch Ostdeutsche, die nach Jahren im Westen zurückkehren. Was motiviert sie zu diesem Schritt?

Für einen Moment hält Nancy inne: „Die habe ich von meinem Schwager aus Brandenburg bekommen“, sagt sie und schaut auf die Keramiktasse in ihren Händen. „Ein Stück Uckermark“ steht darauf. Die 34-Jährige atmet tief ein. „Jetzt geht sie wieder zurück nach Hause.“ In wenigen Stunden schon wird sie mit ihrem Mann Christoph und den beiden Kindern nach Brandenburg aufbrechen, ihr Leben in Baden-Württemberg hinter sich lassen und ein neues in der alten Heimat beginnen.

Familie fehlt

14 Jahre ist es her, dass das Paar in den Südwesten zog, nachdem Schornsteinfeger Christoph eine Arbeitsstelle angeboten bekam – im schwäbischen Balingen, mehr als 800 Kilometer von seinem damaligen Wohnort entfernt. Diese Chance wollte er sich mit Anfang 20 nicht entgehen lassen. Nancy zog nach – und so begann ihr Leben in Baden-Württemberg. „Am Anfang hatte ich schon Heimweh“, erinnert sich die Pharmazeutisch-Technische-Angestellte. „Und der schwäbische Dialekt war so eine Sache.“ Sie lacht.

Beruflich fassten sie schnell Fuß, und über die Jahre entwickelten sich enge Freundschaften. „Aber der Gedanke, einmal wieder zurückzuziehen, war irgendwie immer da“, sagt Christoph. Als sie Eltern wurden, kam er ihnen immer häufiger. „Mit Kindern fehlt einem die Familie einfach sehr“, sagt er. Irgendwann traf das Paar dann den Entschluss, nach Brandenburg zurückzukehren. Kurze Zeit später hatten beide Zusagen für neue Arbeitsstellen dort.

Seit drei Jahren Steigerung

Geschichten wie diese kennt Johannes Drews gut. Er leitet das Welcome Center Stettiner Haff in Mecklenburg-Vorpommern, eine sogenannte Rückkehrer-Agentur. Wer erstmals – oder wieder – in den Osten ziehen möchte, bekommt hier Informationen und Kontakte zu möglichen Arbeitgebenden, Immobilien, Freizeitangeboten. Gefördert wird das Center durch Mittel der Europäischen Union – mit dem Ziel, Fachkräfte für die Region zu gewinnen. In erster Linie seien es Rückkehrende, die zu ihm kommen. Und, so ist seine Beobachtung, es werden mehr.

Die Zahlen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung bestätigen Drews Eindruck: Der Osten gewinnt an Einwohnern. 4000 waren es im Jahr 2017, 700 im Jahr darauf und 1000 Personen 2019. In der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen verzeichnet der Osten inzwischen sogar Wanderungsgewinne gegenüber dem Westen. Wie viele Rückkehrende darunter sind, wird in den Statistiken jedoch nicht erfasst. Doch auch das Bundesinstitut geht davon aus, dass sie einen Teil der Zuzüge ausmachen.

Es seien gerade junge Eltern oder Paare in der Familienplanung, die die Sehnsucht nach dem alten Zuhause und nach der Familie zur Rückkehr bewege, so Drews. „Die Kinder können dann auch einfach mal zu den Schwiegereltern gebracht werden.“ Hinzu kämen rationale Faktoren: „Die Immobilienpreise sind hier in vielen Gegenden noch sehr günstig.“ Das durchschnittliche Immobilienvermögen liegt in Ostdeutschland (ohne Berlin) zwischen 100 000 und 150 000 Euro, zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag der Initiative „Forum for a New Economy“. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen hingegen liegt es im Schnitt bei mehr als 300 000 Euro. Die Studie zeigt aber auch, dass sich deutlich weniger Deutsche im Osten ein eigenes Haus leisten: Besitzen dort rund 40 Prozent eine Immobilie, sind es in Baden-Württemberg gut 60 Prozent.

Gute Aussichten für Handwerker

Denn auch, wenn der Arbeitsmarkt im Osten insbesondere für Handwerker und Arbeitnehmer mit Lehrberufen gute Aussichten bietet, verdienen Beschäftigte dort bei gleicher Qualifikation im Schnitt bis zu 17 Prozent weniger als im Westen. Das zeigt die jüngste Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung. „Dieses Lohngefälle ist ein ganz massiver Standortnachteil“, sagt Tim Leibert vom Leibniz-Institut für Länderkunde. Erst recht, weil der Osten fast flächendeckend strukturschwach sei. Heißt: Die Distanz zwischen wirtschaftlich attraktiven Gegenden ist im Osten meist größer als im Westen. Dies halte gerade junge Arbeitnehmende – die Altersgruppen, die Unternehmen suchen – eher davon ab, gen Osten zu ziehen. Auch könne keine Aussage über die fachliche Qualifikation derer getroffen werden, die in den Osten zuwandern.

Sterberate höher als Zuzug

Trotzdem: Dass seit drei Jahren in Folge mehr Deutsche in den Osten zu- statt abwandern, bewertet auch Leibert als Beginn einer Trendwende. Das Zuwanderungsplus von bis zu 4000 Einwohnern pro Jahr dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass damit nicht einmal die jährlichen Sterbefälle im Osten ausgeglichen werden. „1,23 Millionen Einwohner hat Ostdeutschland zwischen 1991 und 2017 an den Westen verloren, Berlin nicht inbegriffen“, so Leibert. Gerade Uni-Städte wie Leipzig, Dresden und Potsdam profitieren zwar vom Zuzug. „Es gibt auch gewisse positive Entwicklungen im Westen von Mecklenburg-Vorpommern“, sagt der Forscher. „Viele ländliche Regionen ziehen derzeit aber nur wenige Zuwandernde aus Westdeutschland an.“

Geringeres Lohnniveau, oft überalterte und strukturschwache Regionen – dafür viele offene Stellen im Handwerk und günstigere Immobilienpreise: „Im Osten gibt es noch viele Möglichkeiten sich zu verwirklichen“, fasst Drews optimistisch zusammen. Auch Christoph und Nancy schreckt dies nicht ab. In ihre alte Heimat zurückzuziehen, fühle sich für sie einfach richtig an. „Und offenbar hat es sich auch schon herumgesprochen, dass wir bald wieder da sind“, sagt Christoph und lächelt. „Es haben sich schon alte Freunde gemeldet, um Pläne zu machen.“

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