Vogelstang

Vogelstang Auch mit 90 Jahren hält die ehemalige ML-Stadträtin Anita Gentgen mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg / Plädoyer für mehr Grün

„Es geht darum zu handeln – Appelle verpuffen“

„Ich bin ein durch und durch politischer Mensch“, sagt Anita Gentgen (Bild) über sich. Aufmerksam verfolgt die ehemalige ML-Stadträtin von ihrem Wohnsitz auf der Vogelstang aus das kommunalpolitische Geschehen und ist auch im Internet aktiv. „Facebook ist mein Fenster zur Welt“, sagt sie. Hier bleibt sie in Kontakt zu Freunden weltweit und diskutiert über die aktuellen politischen Themen. Vor kurzem ist Anita Gentgen 90 Jahre alt geworden (wir berichteten in unserem Lokalteil). Aus diesem Anlass ist es ihr ein Anliegen, ein paar Themen aus ihrem reichen Erfahrungsschatz öffentlich anzusprechen.

Es ist angenehm auf dem schattigen Balkon im Eislebener Weg. Trotz der Hitze weht ein erfrischendes Lüftchen. „Wir sitzen hier mitten in der Frischluftschneise“, erklärt Anita Gentgen. „Das kommt von der Bergstraße rüber. Hier weht immer ein bisschen Wind.“ Deshalb empfand sie es als einen Skandal, als die Stadt 2002 HM Interdrink erlaubte das 1995 neu gebaute Logistikcenter am Straßenheimer Weg in die Frischluftschneise hinein zu erweitern.

Anita Gentgen war schon in ihrer Zeit als Kommunalpolitikerin eine vehemente Gegnerin von Flächenversiegelung. Mit Sorge beobachtet sie, dass immer mehr Hauseigentümer ihre Vorgärten zubetonieren. Die Kampagne von Umweltbürgermeisterin Felicitas Kubala, „Vorgarten: Grün statt Grau“ findet sie vom Grundsatz her gut, bemerkt aber kritisch : „Wenn man feststellt, dass das nicht in Ordnung ist, dann muss man es verbieten, dafür ist der Gesetzgeber da. Es geht darum zu handeln – bloße Appelle verpuffen.“

Zu wenig Konkretes

Überhaupt ist ihr in der Kommunalpolitik heutzutage vieles zu vage. „Es kommt mir zu wenig Konkretes bei raus“, sieht sie Verwaltung und Gemeinderat in der Verantwortung: „Stadt und Politik müssen handeln – da drücken sich alle ein bisschen vor.“ Allerdings, das gibt sie zu, seien die Manschetten für die Handelnden früher nicht so eng gewesen. Vor allem müsse sich die Politik am Machbaren orientieren: „Alle Scherze gehen nicht“. Wie man in einem der am dichtesten besiedelten Ländern der Erde mehr Einfamilienhäuser fordern könne, sei ihr ein Rätsel. „Wir müssen viel mehr in die Höhe bauen“, fordert Anita Gentgen und erinnert an Umfragen der ML aus den 80er Jahren, die ergaben, dass sich Menschen, die in Hochhäusern wohnten, darin wohlfühlten. Am Rande des Buga-Parks in Käfertal-Süd hochgeschossig zu bauen, hält sie mit Rücksicht auf die vorhandene Bebauung aber auch für bedenklich.

Seit 1971 wohnt Anita Gentgen auf der Vogelstang. Der Stadtteil sei von der Planung her eine einmalig gut gelungene Siedlung, findet sie. Die entscheidende Frage sei nur, ob das dann auch in der Praxis tauge. So bedauert Gentgen, dass ihrem früheren Anliegen, auf die Bungalows ein Stockwerk draufzusetzen, nicht stattgegeben wurde. Stattdessen habe es eine Erhaltungssatzung gegeben. „Jetzt sind alle Jüngeren weggezogen“, stellt sie fest. „Nur noch alte Leute.“ Sinnvoll für die Entwicklung des Stadtteils sei das nicht.

Ob Gastronomie am See, Schulentwicklung oder Umweltverträglichkeitsuntersuchung für Franklin – Anita Gentgen möchte und kann bei vielen Themen noch mitreden. Bis heute engagiert sie sich im Seniorenrat Mannheim und im Deutsch-Amerikanischen Frauenarbeitskreis. Mit ihren 90 Jahren ist sie ein gutes Beispiel, wie man bis ins hohe Alter politisch aktiv sein kann. Dabei hat sie sich nie festlegen lassen und hält es mit dem Komiker Werner Finck: „Ich sitze zwischen allen Stühlen und fühle mich wohl dabei.“