Vogelstang

Vogelstang Runder Tisch „Betreutes Wohnen“ spricht auf Einladung von Nikolas Löbel über Perspektiven / AWO will 40 Wohnungen bauen

„Wichtiges Signal in den Stadtteil“

Selbstständig bleiben bis ins hohe Alter, das wünschen sich viele Menschen. Das Betreute Wohnen ist eine Form, die den Senioren in eigenen barrierefreien Wohnungen größtmöglichen Bewegungsspielraum belässt, während sie je nach Bedarf Zusatzleistungen dazu buchen können. Doch auf der Vogelstang – von der Alterszusammensetzung der Bewohner Mannheims ältester Vorort – gibt es diese Form des altersgerechten Wohnens noch gar nicht. Grund genug für den CDU-Bundestagsabgeordneten Nikolas Löbel, Stadtteilpolitiker und Experten von Freien Trägern zu einem runden Tisch einzuladen.

So waren neben Bürgermeister Michael Grötsch und örtlichen Bezirksbeiräten Vertreter von Deutschem Roten Kreuz, Caritas, Fliedner-Stiftung, Esser-Haus der Arbeiterwohlfahrt sowie von ThomasCarree der Evangelischen Pflegedienste Mannheim (EPMA) und Diakonischem Werk der Einladung gefolgt. In der Diskussion ging es um Bedarfe, Ausweisung von Flächen, Kosten, würdevolle Betreuung und rechtzeitige Weichenstellungen, will man der auf die Gesellschaft zukommenden Altersentwicklung auch nur annähernd angemessen begegnen.

Michael Grötsch hatte es in seinem Eingangsreferat verdeutlicht: „Die Zahl der Menschen in Mannheim, die 65 Jahre und älter sind, wird von heute rund 60 000 auf rund 73 000 im Jahr 2036 anwachsen – eine Zunahme von 23 Prozent.“ Mit einem Anteil von 28,9 Prozent der Menschen, die 65 Jahre und älter sind, sei die Vogelstang Spitzenreiter unter allen Mannheimer Stadtteilen.

Bedarf von 113 Wohnungen

Eine Schätzung, die von der Annahme ausgehe, dass für fünf Prozent der Menschen, die 75 Jahre und älter sind, Betreutes Wohnen eine bevorzugte Wohnform darstellt, ergebe einen Bedarf von 1563 Wohnungen für die Gesamtstadt und 113 Wohnungen für die Vogelstang. Grötsch gab zu bedenken, dass der Bedarf zwar vorhanden sei, die Form des Betreuten Wohnens letztendlich aber eine Frage der Bezahlbarkeit sei. „Wir haben hier zwischen 12,50 und 15 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete“, rechnete der Bürgermeister vor. Der Bau von Betreuten Wohnungen müsse sich schließlich auch für die Investoren und Träger lohnen.

Auf der Vogelstang plant die Arbeiterwohlfahrt in dem von ihr betriebenen Fritz-Esser-Haus in der Weimarer Straße, 40 Wohnungen für Betreutes Wohnen zu errichten. Wie Heimleiter Johannes Wagner bestätigte, soll 2020/21 der erste Bauabschnitt mit 120 Einzelzimmern, Kurzzeit- und Tagespflegeplätzen fertiggestellt sein. In einem zweiten Bauabschnitt entstünde auf dem frei werdenden Gelände dann eine Anlage mit 40 Plätzen für Betreutes Wohnungen. „Ich bin froh, dass sich ein Träger dieser Herausforderung stellt“, sagte Nikolas Löbel. Dass es erstmals einen zeitlichen Horizont gebe, sei „ein wichtiges Signal in den Stadtteil hinen, dass eine Option für Betreutes Wohnen in Sicht ist“.

Doch reichen die 40 geplanten Plätze überhaupt aus? CDU-Bezirksbeiratssprecher Volker Kögel meinte: „40 Wohnungen reichen vorne und hinten nicht.“ Er appellierte an die Stadt, interessierten Investoren in Frage kommende Grundstücke anzubieten. Dazu seien aus dem Stadtteil schon mehrere Vorschläge unterbreitet worden. Michael Grötsch erklärte hierzu, dass der städtischen Verwaltung Steuerungsmöglichkeiten fehlten, in welchen Mannheimer Stadtteil private Investoren oder Träger der freien Wohlfahrtspflege Anlagen für Betreutes Wohnen errichten. „Dies sind autonome unternehmerische Entscheidungen des Anbieters“, so Grötsch. „Wir weisen bei Anfragen von Investoren aber immer wieder auf unterversorgte Stadtteile hin.“ Die Caritasvorsitzende Regine Hertlein riet dazu, erstmal abzuwarten, ob es tatsächlich zu einem Run auf die 40 Wohnungen komme.

Thomas Seifert, Leiter der Theodor-Fliedner-Stiftung, die erst im vergangenen Jahr eine Betreute Anlage mit 36 Wohnungen auf Turley in Betrieb genommen hat, schilderte aus eigener Erfahrung, dass der anfängliche Nachfrageboom rapide abflaue, je konkreter die vertraglichen Details würden. „Es war nicht einfach, die voll zu kriegen“, warb er dafür, den Blick für die Realität zu behalten. 113 Wohnungen sei eine sportliche Zahl.

EPMA-Geschäftsführer Peter Grewe malte ein drastisches Zukunftsszenario: „Was ab 2027 auf uns zukommt, wird ein Riesenproblem werden.“ Der Betreuungsbedarf werde derart anwachsen, dass man dem mit baulichen Maßnahmen gar nicht nachkommen könne. Deshalb bleibe gar nichts anderes übrig, als über Quartiersprojekte die Einzelhaushalte aufzusuchen. Er empfahl, frühzeitzig auf die älteren Leute zuzugehen und Pflegestützpunkte aufzubauen. „Wohnen im eigenen Umfeld ist ein ganz großes Gut“, meinte Eva Glockner von der Evangelischen Vogelstanggemeinde. Im häuslichen Bereich brauche es jedoch mehr als nur den Pflegedienst: „Ich glaube, dass wir da ganz viele Menschen im Stich lassen.“