Waldhof / Gartenstadt / Luzenberg

Waldhof Karla Spagerer feiert ihren 90. Geburtstag und berichtet noch regelmäßig von den Schrecken des Nationalsozialismus

„Dass sowas nie mehr passiert“

Archivartikel

Es gibt viele Menschen, die ungläubig schauen, wenn sie erfahren, dass Karla Spagerer am 27. Oktober schon 90 Jahre alt wird. Die aktive Waldhöferin diskutiert leidenschaftlich gerne über das aktuelle Zeitgeschehen, aber auch über die Vergangenheit, die schreckliche Nazi-Zeit. Als eine der letzten Zeitzeugen kann sie aus eigener Erfahrung über das Dritte Reich berichten. Vor längerer Zeit wurde sie gebeten, vor einer Schulklasse von den Erlebnissen in ihrer Jugend zu erzählen. Und aus dem ersten Vortrag entwickelte sich eine ganze Reihe; Schulen und Vereinigungen luden die Expertin sogar bis Heidelberg und Karlsruhe ein.

Großmutter verhaftet

Karla Spagerer wurde in die Nazi-Zeit hineingeboren, über die sie Jahrzehnte später berichtet. Ihre Großmutter Babette Ries hatte Verbindungen zur kommunistischen Widerstandsgruppe um Georg Lechleiter, und die Gestapo hatte des Öfteren ihr Zuhause durchsucht. Schon als kleines Mädchen hatte sie deshalb Angst um ihre Familie; zu Recht, denn 1936 verhaftete die Gestapo ihre Großmutter und verurteilte sie zu 18 Monaten Zuchthaus – sie hatte Geld und Lebensmittel für Familien gesammelt, deren Männer inhaftiert waren.

Mit neun Jahren hatte die Waldhöferin mit angesehen, was in der Reichspogromnacht mit jüdischen Bürgern in Mannheim geschah: „Wir haben gesehen, wie die SA-Leute Möbel, Bilder und auch Kinderspielsachen auf die Straße geschmissen haben und wie sie dann Männer und Frauen abführten.“ Am 15. September 1942 kam die Ehefrau von Georg Lechleiter ins Haus der Familie – er war Kopf einer Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten. Die junge Karla wurde zu einer Litfaßsäule geschickt: „Da standen die ganzen Namen. Auch: Georg Lechleiter wurde hingerichtet. Ich bin zurückgelaufen und musste es Frau Lechleiter sagen. Da krieg’ ich heut’ noch Gänsehaut, das kannst du nie vergessen.“

Wirtstochter heiratet mit 18

Später lebte ihre Familie in der Großen Ausdauer 15. „Meine Mutter hat in der Wirtschaft Waldschlössl, Ecke Alte Frankfurter und Waldstraße, bedient. Und als die Wirtin gestorben war und der Wirt einen Nachfolger suchte, haben wir das Lokal übernommen.“ Mit 18 heiratete Karla ihren elf Jahre älteren Mann. Walter Spagerer war 16 Jahre lang für die SPD im Landtag Baden-Württemberg. Er baute das Mannheimer Gewerkschaftshaus mit auf, wurde 1987 Bloomaul-Ordensträger und hatte beim SV Waldhof etliche Funktionen inne. Karla war, so oft es ging, mit ihm unterwegs.

Das Paar ergänzte sich hervorragend, hat zwei Söhne, zwei Enkel und zwei Urenkel. Sie war schon immer die treibende Kraft in der Familie, während ihr 2016 mit 97 Jahren verstorbener Mann Walter der ruhigere und bedächtigere Partner des harmonischen Ehepaars war.

Mit ihren am Sonntag 90 Jahren ist es Karla Spagerer noch immer ein großes Anliegen, dass die Nazi-Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät. „Da es in der jetzigen Zeit immer mehr erschreckende Parallelen zu diesem düsteren Teil unserer Geschichte gibt, sind solche Zeitzeugen ganz besonders wichtig.“ Mit großer Leidenschaft erzählt Karla aus ihrer Jugend, besonders, um heutigen Schülern die Zusammenhänge aus dieser Zeit begreiflich zu machen. „Ich habe mein Leben gelebt, aber die Jugend hat ihr Leben noch vor sich, und ich möchte, dass so was nie mehr passiert!“

Im Stadion zu Gast

Wenn sie nicht gerade mit Schülern diskutiert, besucht Karla Spagerer noch immer gerne das Carl-Benz-Stadion und die Spiele des SV Waldhof. Zu Gast ist sie auch beim Stammtisch der Bloomaul-Ordensträger, bei den Freunden des Nationaltheaters, der SPD und der Arbeiterwohlfahrt. Außerdem geht sie stets gerne zu Vorstellungen ins Capitol.