Waldhof / Gartenstadt / Luzenberg

Waldhof Pater Anselm Grün geht mit den Besuchern der Kulturtage auf Spurensuche ins eigene Innenleben

„Emotionen helfen, etwas zu bewegen“

Pater Anselm Grün sagt ganz klar: „Emotionen dürfen sein.“ Bei einem Vortrag im Franziskushaus auf dem Waldhof nahm er jetzt seine Zuhörer mit auf eine Spurensuche ins eigene Innenleben. Grün, Benediktiner aus der Abtei Münsterschwarzach, ist einer der bekanntesten Ordensmänner Deutschlands.

Seine geistlichen Ratgeber und spirituellen Bücher sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt. So ist es kein Wunder, dass die Veranstaltung unter dem Motto „Verwandlung der Emotionen“, zu der die Pfarrei St. Franziskus eingeladen hat, schon seit längerem ausverkauft war. Der Saal ist dementsprechend bis auf den letzten Platz besetzt, als der 73-Jährige auf die Bühne und hinter das Rednerpult tritt.

Anselm Grün geht es um die Ermutigung des Einzelnen. Das wissen diejenigen, die seine Schriften und Ansprachen kennen. Auch an diesem Abend führt der Mann mit dem weißen Bart einfühlsam durch das Thema und zieht damit seine Zuhörer sichtlich in den Bann.

„Wir brauchen Emotionen, um etwas bewegen zu können“, ist er überzeugt. Glück, Freude, Heiterkeit, Gelassenheit, Vertrauen und Liebe gehören zu den Gefühlsregungen, die wir in der Regel als positiv bewerten. Doch was ist mit Empfindungen wie Ärger, Angst, Neid und Eifersucht oder sogar Hass? Auch sie dürfen sein, sagt der Pater.

„Wenn wir Emotionen zeigen, ist es immer wichtig, sie nicht zu bewerten, sondern zu schauen, wo sie herkommen.“ Etwa den Ärger. Er könne eine Anregung sein, etwas zu ändern und eine bessere Lösung für ein bestehendes Problem zu finden. In der Regel zeige einem aber der Ärger, dass eine Grenze überschritten wurde und man diese Überschreitung zugelassen habe.

„Ich kann mich nun in die Opferrolle und den Ärger hineinsteigern oder ihn als Impuls nehmen, um mich zu distanzieren und den anderen sprichwörtlich aus meinem inneren Haus hinauszuwerfen“, führt der Geistliche aus. Letzteres wäre eine positive Reaktion, die zu einer inneren Befriedung führt.

Vom Sinn des Hasses

Ebenso habe der Hass einen Sinn, meint Anselm Grün – und hier stockt so manchem der Anwesenden der Atem. Denn als Christ darf man doch keinen Hass haben, ist die unter Gläubigen gängige Auffassung. „Ich bin machtlos dagegen, dass Hass in mir auftaucht. Er ist da. Aber wie ich mit ihm umgehe, liegt in meiner Verantwortung“, plädiert Grün dafür, diese „höchste Form von Aggression“ in eine „gesunde Aggression“ umzuwandeln.

Immer wieder führt der Seelsorger Beispiele aus seiner Beratertätigkeit an. Wie das einer Frau, die ihn aufsuchte und ihr schlechtes Gewissen ob ihrer Hassgefühle bekannte, die sie gegen ihren Mann hegte. Er sei Alkoholiker, unberechenbar, und man könne nicht mit ihm reden. Ihr riet Grün, den Hass nicht auszuleben, sonst mache sie sich und ihren Mann unglücklich. Aber sie solle sich den Hass auch nicht verbieten, denn er habe ja einen Grund und Sinn.

Er solle in diesem Fall Mut machen, sich von ihrem Mann abzugrenzen. „Der Hass sagt ihr, ich habe auch das Recht zu leben und schütze mich vor der Willkür meines Mannes“, erklärt Grün. Wenn man so mit dieser Emotion umgehe, verwandle sie sich in Selbstvertrauen, Klarheit und Freiheit.

Negatives in Positives verwandeln

Nicht eine Veränderung der Emotionen sei erforderlich, resümiert Grün, sondern deren Verwandlung: „Ziel der Verwandlung ist, immer mehr zu dem zu werden, der ich eigentlich bin.“ Daher gelte es, die vermeintlich negativen Emotionen anzunehmen, denn in jeder Emotion stecke auch etwas Positives.

Am Schluss lädt der Pater die Besucher dann dazu ein, ihre Hände über der Brust zu kreuzen und mit einem Gebet das eigene innere Kind zu umarmen. Reger Andrang herrscht danach am Büchertisch. Viele Besucher nutzen noch die Gelegenheit, sich ihre neu erworbenen Schriften von Anselm Grün signieren zu lassen.