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Luzenberg Tanz-Theaterprojekt „Mensch ist Mensch“ verarbeitet Erfahrungen mit Ausgrenzung und Diskriminierung

Liebe siegt über Rassismus

Sie strahlen über das ganze Gesicht, reißen unter tosendem, nicht endendem Applaus die Arme hoch, stehen im Scheinwerferlicht auf der Bühne: die Stars vom Luzenberg. Es sind unendliche Glücksmomente für die 14 Kinder und Jugendlichen nach ihrem finalen Auftritt beim Tanz-Theaterprojekt „Mensch ist Mensch.“ Die brillante Aufführung endet in der Hitze der Nacht emotional, bunt – und in einer großen Party.

„Du glaubst nicht, was die mir alles erzählt haben“, berichtet Bilgehan Çetin von ihren Erfahrungen, als sie „ihre“ Kinder und Jugendlichen vor über einem Jahr nach ihren Erlebnissen zum Thema Rassismus und Ausgrenzung fragte – die, die sie in der offenen städtischen Jugendarbeit auf dem Luzenberg betreut. Sie berichteten ihr nach und nach von schrecklichen Erlebnissen.

Jugendtreff bis 2021

Schnell war für Çetin klar, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Die Streetworkerin berichtet von der sozialen Struktur in dem Viertel, von der weit verbreiteten Armut, dem hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund sowie insbesondere von den vielen persönlichen Problemen, die auf den Kindern lasten. Und noch etwas bemängelt sie: „Im Luzenberg gibt es kein Jugendhaus, das sich um die Probleme der Jugendlichen kümmern kann.“ Das soll sich im Jahr 2021 ändern. Bis dahin soll auf dem Grundstück Spiegelfabrik/Ecke Spiegelstraße ein Jugendtreff entstehen.

Mit einem vom Landesjugendring Baden-Württemberg über das Programm „Vielfalt in Partizipation“ gefördertes Tanz- und Theaterprojekt wollte Çetin die Lücke schließen, den Kindern Begriffe wie Rassismus und Ausgrenzung begreifbar machen und künstlerisch verarbeiten. Ziel: Stärkung des Selbstbewusstseins und Wertschätzung.

Gemeinsam mit den Jugendlichen entstanden Ideen für Texte und Choreographien, Çetin setzte sie mit Sait Uzun, Anna Müller und Tobias Schirneck in sechsmonatiger harter Arbeit um: „Meine Kinder und ich, wir sind als Freunde da rangegangen und als große Familie rausgekommen.“ Das Ergebnis war jetzt im Gemeindesaal der Kreuzerhöhungskirche unter dem Titel „Mensch ist Mensch“ zu sehen.

Bildungsbürgermeisterin Ulrike Freundlieb würdigte zu Beginn des Abends die Bedeutung des Projekts: Für sie ist Stadtgesellschaft „Vielfalt, Zukunft und Lebendigkeit“ – und auch, wenn das Zusammenleben schwierig sein könne, „wollen wir eine vielfältige und solidarische Gesellschaft, wir wollen keine Diskriminierung!“

Der jungen Akteure brachten sieben Projekte von Tanz über Interviews, lyrische Monologe, Performances und Rap auf die Bühne. Damit eroberten sie nicht nur die Herzen der Zuschauer, sondern schafften auch, dass Liebe und Geborgenheit den Sieg über Rassismus und Ausgrenzung schafften. Aus den Luzenbergern Aliyah, Mina, Merve, Hatice, Esther, Derya, Aysu, Nino, Ömer, Ismet, Ilay, Eren, Mohammet und Elyesa wurden am Ende umjubelte Stars, die noch völlig außer Puste die letzte Choreographie als Zugabe erneut aufführen mussten.

Im Schlussapplaus gab es neben Dank auch Blumen für alle Darsteller und Organisatoren. Bilgehan Çetin wurde noch lange von ihren Stars umarmt und gedrückt, familiäres Gänsehautfeeling vor der Bühne: „Ich bin völlig erledigt und gerührt, so viel Freude und Wertschätzung, die von den Kindern zurückkommt.“

Draußen feierte das Publikum am Buffet, darunter Regisseur Shahbaz Noshir: „Die Jugendlichen brauchen Wertschätzung und ein Zuhause, damit sie sich entfalten können. Wahrlich habe ich es bei jedem Jugendlichen gespürt. Sie wurden wahrgenommen, sie waren an dem Abend endlich präsent.“

„Ich bin fertig, und glücklich“, so die erleichterte Choreographin Anna Müller, die einige Stücke mit einstudiert hatte: „Wenn du die strahlenden Gesichter der Kinder nach der Aufführung siehst, ist alles wieder vergessen.“

Derweil feierten die Akteure eigenständig weiter: Sie nahmen kurz entschlossen die bereits abgestellte Musik- und Lichtanlage wieder in Betrieb und inszenierten eine eigene Afterparty, der sich mehr und mehr auch die Besucher anschlossen.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/stadtteile

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