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Gartenstadt/Sandhofen Gunter Demnig verlegt fünf Messing-Gedenktafeln / Erinnerung an Widerstandskämpfer

Neue Stolpersteine im Norden

Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist heute in der Bundesrepublik selbstverständlich. Vor mehr als sieben Jahrzehnten aber bezahlten dafür Mannheimer Widerstandskämpfer mit dem Leben. Unter anderem daran erinnern neue Stolpersteine, die der Kölner Künstler Gunter Demnig vor einer knappen Woche verlegte (wir berichteten im Lokalteil). In Aktion trat Demnig insgesamt 19 Mal. Vier der kleinen Messing-Gedenktafeln fanden in der Gartenstadt ihren Platz, einer vor der KZ-Gedenkstätte in Sandhofen.

Ein Stolperstein findet sich fortan im Philipp-Brunnemer-Weg 3, "der früher noch Margaritenweg hieß", berichtete Andrea Jessen, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Gartenstadt. Die dortigen Sozialdemokraten hatten sich für die Aktion in ihrem Quartier engagiert.

Der damals 75-jährige Sozialdemokrat Brunnemer hatte den Druck der Flugschrift "Der Vorbote" der Georg-Lechleiter-Gruppe in seinem Haus in der Gartenstadt ermöglicht. Dafür wurde er kurz vor der Ausgabe der fünften Flugschrift von der Gestapo verhaftet. "Insgesamt konnten vier Ausgaben der illegalen Zeitung in stetig wachsender Auflage verteilt werden", blickte Hans-Joachim Hirsch, Historiker des Stadtarchivs im Ruhestand, zurück.

Zum Tode verurteilt

Ein weiterer Stein erinnert im Schlehenweg 9 an Daniel Seizinger. "Er stammte aus einer proletarischen Familie", erzählte Hirsch: "Sein Bruder Ludwig war ebenfalls engagierter Sozialdemokrat." Auch Daniel sei zuerst bei der SPD und nach der Abspaltung in der USPD aktiv gewesen. "Im Zuge der Novemberrevolution wurde er bereits zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt", so der Historiker. "Später engagierte er sich in der KPD." Daniel Seizinger betrieb zudem eine Gastwirtschaft in der Neckarstadt. Darüber hinaus verdiente er seinen Lebensunterhalt als Packer bei den Großbetrieben in Mannheim.

Den Widerstandskämpfern sollte insgesamt eine größere Bedeutung in der Mannheimer Stadtgeschichte zukommen, meinte Hirsch. Umso wichtiger sei es, an deren Mut zu erinnern. Das gelte ebenso für Rudolf Maus, der von 1912 bis zu seinem Tod 1942 in der Heidestraße 20 lebte. Nach dem Schulbesuch erlernte er das Schlosserhandwerk. Anschließend fand er eine Anstellung beim Strebelwerk und teilte das politische Wirken der SPD, ohne jedoch Mitglied der Partei zu sein. Brunnemer, Seizinger und Maus wurden vom Volksgerichtshof in Mannheim zum Tode verurteilt und am 15. September 1942 in Stuttgart hingerichtet.

Sanitäter in der KZ-Außenstelle

Am Blütenweg 11 erinnert ein Stolperstein an Karl Ludwig Gräsle, der für seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus verhaftet und im Zuchthaus Ludwigsburg interniert wurde. Gräsle war Mitglied der kommunistischen Partei. Nachdem er 1938 ins KZ Sachsenhausen deportiert worden war, befreiten ihn kurz vor Kriegsende die Alliierten. Bis zu seinem Tod 2001 lebte er in der Gartenstadt.

Dass die Gedenkstätte die Geschichte der früheren KZ-Außenstelle Sandhofen aufarbeiten konnte, ist maßgeblich Wladyslaw Kostrzenski zu verdanken. Daran erinnerte bei der Verlegung des Stolpersteins für ihn Historiker Peter Koppenhöfer. Kostrzenski wurde während des Warschauer Aufstands von Frau und Kind getrennt und kam nach Sandhofen. Es gelang ihm, eine Krankenstube einzurichten. Als Sanitäter bekam er vieles über das Lagerleben und die Grausamkeiten des Personals mit, aus seinen Erinnerungen entstand das Buch "Meine Flucht". Nach dem Krieg fand Kostrzenski seine Familie wieder. Die Gedenkstätte besuchte er erstmals 1994, mit 79 Jahren starb er 2001 in Warschau.