Wallstadt

Wallstadt Bei Bauprojekten auf Wallstadter Gemarkung stoßen Archäologen immer wieder auf frühmittelalterliche Spuren

Funde weisen auf Siedlungen hin

Archivartikel

„Wallstadt im Mittelalter“ – ein Thema, das offensichtlich auf großes Interesse stieß. Statt normalerweise durchschnittlich 40 Besucher bei den monatlich ein oder mehreren Veranstaltungen des Seniorenwerks der Katholischen Pfarrgemeinde Christ-König, konnte Vorsitzender Erich Kleiner trotz Sommerhitze fast 60 interessierte Bürger begrüßen. „Zur Entwicklung des Dorfes Wallstadt nach archäologischen Ausgrabungen“ lautete der Titel des Vortrages von Klaus Wirth, dem Leiter der archäologischen Abteilung der Reiss-Engelhorn Museen (rem).

Wallstadt wurde im Lorscher Codex ein erstmals 766 n. Chr. erwähnt. „Wo Ober- und Unterwallstadt einst gelegen waren, wissen wir nicht, da es keine schriftlichen Mitteilungen gibt“, so Wirth. Der rem-Experte erläuterte, wie man mit archäologischen Methoden Quellen erschließen kann. Täglich verschwinden bei Bauarbeiten Zeugnisse früherer Epochen. „Aber selbst einfache Formen von Behausungen, Versorgung und Entsorgung hinterlassen Spuren im Boden“, erklärte Klaus Wirth.

Konstruktionen aus vergänglichen Materialien wie Holz erscheinen als Verfärbung, Gruben belegen Pfostenstellungen. Herdstellen oder die Verfüllung von Vorratsgruben künden von der einstigen Nutzung der Gebäude. Fundstücke oder Reste handwerklicher Produktion erschließen alte Fertigungstechniken. Auch Grabfunde geben Auskunft über frühere Besiedlungen. „Die letzte Chance, etwas über unsere Herkunft und unsere Geschichte zu erfahren, ist die archäologische Ausgrabung, da in aller Regel die archäologische Quelle nach dem Bodeneingriff unwiederbringlich zerstört ist“, so Wirth.

Mit Kelle, Pinsel und Pinzette

Deshalb führe die rem-Archäologie vor der Bebauung archäologische Ausgrabungen durch. Für die Archäologen ist besonders der Schichtzusammenhang der Funde und Befunde wichtig, das sorgfältige Freilegen der archäologischen Beobachtungen mit Schaufel, Hacke, und Pickel, aber auch mit Kelle, Pinsel und Pinzette, die eingemessen, beschrieben, gezeichnet und fotografiert werden. An den Ausgrabungen beteiligt sind oftmals auch Ehrenamtliche.

Das in Wallstadt zahlreiche Nachweise für eine mittelalterliche Besiedlung erbracht werden konnten, ist Lehrer Franz Gember aus Feudenheim zu verdanken. Der Hobby-Archäologe hatte in den 1950er Jahre – in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg – sämtliche Baugruben im Osten Mannheims aufgesucht, kartiert und die Fundstücke sorgfältig verwahrt. Den Inhalt der umfangreichen Tagebücher von Gember wertet Wirth derzeit aus, um ihn später in einem Artikel vorzustellen.

Zu den ältesten Zeugnissen gehören drei Grubenhäuser in der Amorbacher Straße 10 und 12 sowie Ernsttalerstraße 5, Reste einer Siedlung aus dem 8. und 9. Jahrhundert. „Grubenhäuser sind Bauten aus Holz – meist mit Eck- und Mittelpfosten – die in das Erdreich eingetieft sind“, erklärte Wirth. Pfostenstellungen auf dem Fußboden des Grubenhauses in der Amorbacher Straße 12 und tönerne Webgewichte deuteten auf einen Webstuhl hin und somit auf die einstige Nutzung.

Eine archäologische Grabung 2013 auf dem Gelände der ehemaligen Anwesen Mosbacher Str. 9 und 11 erbrachte den Nachweis, dass hier ebenfalls bereits in der Karolinger Zeit gesiedelt worden war (wir berichteten). Die rem-Experten konnten Grubenhäuser, Keller, ein Langhaus in Pfostenbauweise, Keramik, Tierknochen, frühes Glas aus verschiedenen Zeitstellungen nachweisen. In Wallstadt gefunden wurden zudem die bisher einzigen Reste eines Trittwebstuhles im Norden Baden-Württembergs sowie das Fragment eines karolingischen Schlüssels mit Kreisaugen-Verzierung aus der Zeit um 800 n.Chr.: Nachbildungen des „Wallstadter Schlüssels“ sind im rem erhältlich.

Bei Ausgrabungen hinter der Christ-König Kirche – im Zuge des Baus des neuen katholischen Kinderhauses Edith Stein – haben die Archäologen der rem 2016 ebenfalls Reste alter Grubenhäuser gefunden sowie ebenso gut sichtbare Strukturen von Pflanzgräben aus der Barockzeit. Nach Informationen von Klaus Wirth gab es vom 6. bis ins 12. Jahrhundert Grubenhäuser auf Wallstadter Gemarkung, danach lag der Bereich wüst. Erst im 17./18. Jahrhundert wurde dort wieder stärker gesiedelt.