Wallstadt

Wallstadt Arbeitskreis Heimatgeschichte begeht Jubiläum „90 Jahre Eingemeindung“

Wehmütige Erinnerung an das selbstständige Dorf

Archivartikel

Er läutete die Schelle wie einst der Amtsbüttel, schaufelte – vermeintlichen – Dung von der Bühne und ließ seine vielen Zuhörer immer wieder schmunzeln: Bei der Matinée „90 Jahre Eingemeindung von Wallstadt nach Mannheim“ hat Ortshistoriker Stefan M. Alles das Lebensgefühl in dem Ort kurz nach der Jahrhundertwende wieder wach werden lassen.

Zunächst müssen aber noch Stühle herbeigeschleppt werden. „Ich freue mich, dass so viele Leute gekommen sind“, begrüßt Martin Straub für den Arbeitskreis Heimatgeschichte die vielen Gäste im Evangelischen Gemeindezentrum.

Rente noch bis 1986

Eine Original Bürgerrechtsurkunde von 1904, Backsteine, Maurerkluft- und -werkzeug sowie – eigens von Werner Sohn (91) aufgefädelte – Tabakblätter schaffen eine besondere Atmosphäre. Und über der Bühne hängen die von Bernd Krämer aufbewahrten Fahnen der (aufgelösten) Gesangvereine „Liederkranz“ und „Germania“. „Zwei Zeitzeugen, denn die waren in jener Nacht dabei“, erinnert Alles an die großen Feiern zur Eingemeindung 1929.

Mit vielen schönen Anekdoten angereichert, zeichnet Alles unterhaltsam das Bild des seinerzeit 2400 Einwohner zählenden und 674 Hektar umspannenden Dorfs, das 1929 „seine Unabhängigkeit aufgab, um Teil der Großstadt zu werden“. Wallstadt sei „ein funktionierender Organismus mit gewachsener Identität“ gewesen und kurz vor der großen Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 „gerade noch so ’reinschluppt“ unter das Dach Mannheims.

Lange hätten die Wallstadter gekämpft, ihre Eigenheiten erhalten zu können – von der niedrigeren Hundesteuer bis zum Allmendnutzen, also des Rechts der Bewirtschaftung gemeindeeigener Felder. Davon habe, wenn auch in eine lebenslange Rente umgewandelt, noch bis 1986 der letzte Wallstadter profitiert.

Wallstadt sei die „notorisch ärmste Gemeinde im Landkreis Mannheim“ gewesen, so Alles: „Begüterte gab es hier kaum, viele waren Arbeiter in der Stadt, hatten Landwirtschaft im Nebenerwerb.“ Mit dem Ausbau der Schule (vorher gab es Klassengrößen von 50 bis 60 Kindern) und der Kanalisation („Bis dahin ging alles oberirdisch ins Senkloch – dort, wo heute der Reiterverein ist“) habe Wallstadt von der Eingemeindung profitiert. Die versprochene bessere Anbindung an den Öffentlichen Personennahverkehr lasse indes „bis heute zu wünschen übrig“. Dafür habe Mannheim eine „große Baulandreserve ohne Industrieansiedlung“ erhalten, auf der dann später etwa die Vogelstang und die Erweiterungen von Wallstadt entstanden sind, so Alles.

Manchmal klingt er arg wehmütig, und der Ortshistoriker gibt auch zu: „Nichts für ungut, aber große Freude oder gar Begeisterung“ könne er rückblickend für die Eingemeindung nicht aufbringen. Er begründet dies damit, dass er derzeit „das gesellschaftliche Miteinander alles andere als rosig“ einschätzt. Es werde sich „massiv verschlechtern“, wenn die DJK-Halle wegfalle und kein Ersatz komme, warnt er. Am Ende ruft er aber dann doch aus: „Auf dass deine Zukunft glücklich sei – Hoch Wallstadt, wir sind dabei“. Am Ende singt er, von Andrea Sohn-Frisch am Klavier begleitet, noch das „Wallstater Maurerlied“.

Stadträtin Claudia Schöning-Kalender (SPD) – mit ihrem Mann selbst aktiv im Arbeitskreis Heimatgeschichte – dankt den Mitgliedern im Namen des Oberbürgermeisters für die Ausrichtung der Feier. Sie bedauert, dass der erste Anlauf zur Eingemeindung 1920 gescheitert war, „sonst könnten wir nächstes Jahr schon das Hundertjährige feiern.

Stadträtin betont Weitsicht

Sie warnt, ein neidvoller Blick in die weiter selbstständigen Nachbargemeinden oder ein Aufrechnen, wer mehr von der Eingemeindung profitiert habe, bringe nichts. „Es helfen keine separatistischen Gedanken“, mahnt Schöning-Kalender. In einem „zentralen Punkt“ profitierten die Bürger heute „von der damaligen Weitsicht“, denn Wallstadt sei durch das Verbot von Industrieansiedlungen „der Stadtteil mit den besten Klimabedingungen“.

Auch wenn manche Mannheimer Stadtteile „hin und wieder in Konkurrenz zueinander stünden“, so äußert sich Schöning-Kalender doch optimistisch: „Ich bemühe mich nach Kräften“, meint die SPD-Stadträtin zu dem Wunsch nach einem neuen Kultur- und Sportzentrum sowie einem Neubau für die Freiwillige Feuerwehr. Es müsse nur „gelingen, die unterschiedlichen Bedarfe in Einklang zu bringen“.