Weinheim

Weinheim Mariele Millowitsch und Walter Sittler begeistern mit einem berührenden Kammerspiel die Zuschauer

Lachen und Weinen beieinander

Archivartikel

„Lass uns so sein, dass wir andere nicht beneiden müssen“, sagt Lore zu Harry, auch wenn sie weiß, dass es zwischen ihnen nach 40 Jahren Ehe nicht mehr lodert. Doch ist nicht auch Glimmen so etwas wie Liebe? „Ich glaube, ich liebe ihn noch“, überlegt Lore, „aber meistens geht er mir entsetzlich auf die Nerven“.

Denn Lore, die Bibliothekarin, mag ihre Bücher und die Lesungen, die sie organisiert. Harry, der Architekt im Ruhestand, vergräbt sich in seinem Garten und zupft seinen Löwenzahn, weil er all das Gedöns mit diesen Dichtern nicht erträgt. Und geht er mal zu einer Lesung mit, dann schläft er ein oder er blamiert Lore, indem er die Autorin fragt, ob es zu Gedichten gehört, dass sie so „runtergeleiert“ werden.

Obwohl Lore das Brimborium um Martin – damit meint sie Martin Walser – auch manchmal gegen den Strich geht, dürstet ihre Seele nach Schönheit, wie sie es ausdrückt. Harry hingegen genügt ein frisch gezapftes Hefeweizen. Und jetzt heiratet die 37-jährige Tochter einen Großindustriellen aus Leipzig. „Ein Ossi“, schimpft Harry, „klein und dick, gerade mal zehn Jahre jünger als ich“. Natürlich wird er nicht zu dieser Hochzeit gehen, bei der Peter Maffay auftritt. „Was soll ich denn mit diesen Leuten?“ Und Lore überlegt, warum das „Kind“ immer Pech mit Männern hat und was sie als Mutter falsch macht. „Gloria hat doch immer so schön Klavier gespielt“.

Vorlage von Elke Heidenreich

„Alte Liebe“ heißt das Buch, das Elke Heidenreich und ihr Mann Bernd Schroeder gemeinsam geschrieben haben. Von Jennifer Sittler wurde es als szenische Lesung für die Bühne adaptiert. Ihr Vater Walter Sittler und Mariele Millowitsch spielen das in die Jahre gekommene Ehepaar und sie tun es schon von Berufs wegen brillant. Galten die beiden doch bereits 1995 in der Fernseh-Serie „Girl Friends“ als das Traumpaar schlechthin und blieben es auch in der Comedy-Serie „Nikola“.

An diesem Abend sitzen sie in der gut besuchten Stadthalle, jeder hinter seinem Lesetisch, angeleuchtet von einem heimeligen „Nachttischlämpchen“. Sie blättern ihre Manuskriptseiten um, doch Millowitsch und Sittler sind zu sehr Schauspieler, um diese „Lesung“ nicht in ein anrührendes Kammerspiel, ganz nahe am echten Leben, zu verwandeln. Und da sich das Durchschnittsalter der Zuschauer deutlich jenseits der Fünfzig bewegt, trifft dieses intensive Pingpongspiel eines Paares, das sich nach 40 Jahren fragt, wo denn all die Leidenschaft und das Lachen geblieben sind, mitten ins Herz.

Es gibt so viele Dialoge, in denen man sich als Zuschauer wiedererkennt. Da ist Harry, der morgens den Sportteil der Zeitung studiert, während Lore die Todesanzeigen laut vorliest und erschrickt, wenn es wiedermal jemand ist, den sie gekannt hat. Fünfundsechzig ist doch kein Alter, meint Harry.

Etwas ist noch da

Doch es ist nicht alles traurig an dieser alten Liebe. Wenn Harry, der Hobbygärtner, ins Auto steigt und Lore schimpft: „Zieh was Vernünftiges an, du siehst aus wie ein Penner“, kommt die Antwort: „Ich geh nicht in die Oper, sondern in eine Baumschule“. Während für Lore das Alter nicht nur ein Kampf, sondern ein „Massaker“ darstellt, ist Harry über diese Phase längst hinaus.

Lachen und Weinen liegen in dieser szenischen Lesung so dicht beieinander wie Leben und Tod. So ist es bezeichnend, dass sich Harry und Lore gerade auf der „fürchterlich protzigen“ Hochzeit von Tochter Gloria wieder neu entdecken. Sie tanzen wie in alten Zeiten, lästern über dekadente Neureiche und können es nicht erwarten, in ihre, von den finanzkräftigen Hochzeitsausrichtern gebuchte, Suite zu kommen, wo sie nach all den Jahren endlich wieder ihre Leidenschaft und ihr Lachen finden.

Und dann endet dieser Abend so tragisch. Während Lore an ihrem Lesetisch zusammensackt und das heimelige Lämpchen langsam erlischt, erzählt Harry von dem verfluchten Anruf aus der Bibliothek: „Ihre Frau ist am Schreibtisch eingeschlafen“. „Ja, dann wecken Sie sie, um Gottes Willen, auf“, habe er gebrüllt. Doch Lore wacht nicht mehr auf. „Sie ist einfach gegangen, gerade jetzt, wo alles noch mal so schön war“.

Und nun sitzt Harry da und betrachtet ein Foto von ihr, das sie in ihrer typischen Art völlig schief aufgehängt hat. Man spürt in diesem Augenblick, dass sich die Zuschauer erst einmal sammeln müssen, ehe sie sich erheben, um den beiden großartigen Schauspielern mit lang anhaltendem Applaus für die tief berührenden Szenen zu danken. Rav