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„1920 nicht mit 1933 zu vergleichen“

Archivartikel

Herr Mühlhausen, welche Bedeutung hatte der Putsch für die Weimarer Republik?

Walter Mühlhausen: Es war das erste Mal, dass die Gefährdung der jungen Republik offensichtlich wurde. Hier wurde deutlich, dass es starke Gegenkräfte gibt.

Er war ja dilettantisch organisiert. War er denn eine echte Gefahr für die Demokratie?

Mühlhausen: Er war insofern eine ernste Gefahr, weil man nicht wissen konnte, wie sich die Mehrzahl der Deutschen zu ihm stellen würde. Erst im Nachhinein wissen wir, dass er unzureichend vorbereitet war. Den Zeitgenossen erschien er als große Gefahr.

Im Konflikt fällt ein Ost-West-Gegensatz, genauer ein Nordost-Südwest-Gegensatz auf. Ist das eine historische Konstante?

Mühlhausen: Nein, wenn Sie daran denken, dass die Wiege der Sozialdemokratie in Sachsen lag; Thüringen war ein sozialdemokratisches Kernland. Allerdings: Die demokratischen Horte waren Baden, Württemberg, Hessen.

1920 haben es demokratische Kräfte geschafft, den rechten Spuk rasch zu beenden. Warum hat das 1933 nicht geklappt?

Mühlhausen: Im Januar 1933 waren die Koordinaten ganz anders. An den Schaltzentralen der Macht saßen die Antirepublikaner, die die Verfassung missbrauchten gegen diese Republik. Das ist der Unterschied zu 1920, wo man noch demokratische Bastionen hatte wie Preußen oder die süddeutschen Staaten.

War Weimar von Anfang an zum Scheitern verurteilt?

Mühlhausen: Die Republik hatte fast bis zum Ende die Chance zu überleben – wenn die demokratischen Kräfte einig gewesen wären wie 1920 und wenn das Bürgertum nicht versagt hätte.

Warum hat es 1949 geklappt?

Mühlhausen: Unter anderem deshalb, weil die Bundesrepublik die Chance hatte, sich in einer Phase wirtschaftlicher und sozialer Stabilität entwickeln zu können. -tin

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