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Interview Der Abgeordnete Mustafa Dschemiljow kritisiert die russische Expansionspolitik / Appell für Schlichtung des Konfliktes

„Alle Menschen stehen unter Kontrolle“

Archivartikel

Kiew.Zu Tausenden haben Angehörige der krimtatarischen Minderheit nach der russischen Annexion vor fünf Jahren die Schwarzmeer-Halbinsel verlassen. Doch abfinden mit der Lage im Exil wollen sich viele Krimtataren nicht. „Wir hoffen auf die Weltgemeinschaft“, sagt Mustafa Dschemiljow im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Der 75 Jahre alte ukrainische Parlamentsabgeordnete wird von Russland als Extremist gesucht.

Herr Dschemiljow, wie ist die Lage der Krimtataren derzeit auf der Halbinsel vom Exil aus betrachtet?

Mustafa Dschemiljow: Die Situation ist vergleichbar mit der Sowjetunion damals, mit dem Kommunismus. Alle Menschen stehen unter Kontrolle. In der Regel sprechen die Leute nicht über politische Themen, sie fürchten sich. Alle werden abgehört. Doch für diejenigen, die hinfahren, wird wie zu Sowjetzeiten ein schönes Programm organisiert.

Was heißt das konkret?

Dschemiljow: Wenn man auf der Straße Passanten danach fragt, wie es jetzt im Vergleich zu früher ist, werden die Leute erzählen, wie gut es jetzt geworden ist. Wer etwas anderes sagt, hat noch am gleichen Tag ein Gespräch mit dem Inlandsgeheimdienst FSB.

Der russische Präsident Wladimir Putin rief sie damals an. . .

Dschemiljow: Das war am 12. März 2014, vier Tage vor dem Referendum. Als ich ihm sagte, dass niemand die Annexion anerkennen wird, sagte er: „Warten Sie ab, was das Volk sagen wird.“ Einige Wochen später wurde mir die Einreise auf die Krim und das Territorium Russlands verboten, denn sofort nach dem Gespräch mit Putin flog ich nach Brüssel ins Nato-Hauptquartier und danach zur Sitzung des UN-Sicherheitsrats.

Was erwarten Sie vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj? Er hat immer wieder die Rückgabe der Krim gefordert.

Dschemiljow: Wir erwarten von ihm, dass der harte Kurs in Richtung eines EU- und Nato-Beitritts der Ukraine unverändert bleibt. In diesen Fragen drückt er sich hinreichend klar aus. Doch Worte sind das eine – und Taten etwas anderes. Wir fürchten, dass die Krim zu einem eingefrorenen Konflikt wird. Das wäre am schlimmsten.

Was kann getan werden, um das zu verhindern?

Dschemiljow: Wir hoffen auf die Weltgemeinschaft. Der Westen kann zum Beispiel für mehrere Monate den Kauf von russischem Gas und Öl stoppen oder das Land vom SWIFT-Bankensystem abtrennen. Dann ist der russische Staat am Ende.

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