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75. Jahrestag Die Soldaten schrieben bei der Landung in der Normandie Geschichte, doch inzwischen erinnern Politiker und Historiker auch an das große Leid der Zivilisten

Als die Alliierten Europa; von den Nazis befreiten

Archivartikel

Die Landung britischer und amerikanischer Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 war der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs (1939-1945). Zum 75. Jahrestag gibt es Gedenkfeiern in Frankreich und Großbritannien. Beide Länder bemessen; ihren Anteil an der Befreiung Europas; von der Nazi-Herrschaft sehr hoch –; Historiker melden Zweifel an.

Der Weg in die Hölle war von Übelkeit begleitet. Schulter an Schulter und doch einsamer als je zuvor saßen die Männer in ihren schaukelnden Booten, kaum einer, der sich nicht übergeben musste, während Salzwasser auf die Stahlhelme prasselte und die hohen Wellen gegen die Boote schwappten. „Mir war egal, ob ich erschossen werde oder nicht, ich wollte nur runter vom Landungsboot und wieder festen Boden unter den Füßen spüren“, erinnerte sich Robert Coupe aus dem englischen Blackpool vor wenigen Jahren.

Es war kalt, miserables Wetter trotz Anfang Juni. Und als der Morgen graute, sah der damals 19-Jährige plötzlich das Meer von Kähnen wie der seine, die sich langsam der französischen Küste näherten, dem Inferno. Über den Soldaten tausende Bomber, vor ihnen die Sanddünen und der anhaltende Feuerschlag der Schiffsgeschütze, die deutsche Befestigungsanlagen beschossen.

Durchs kalte Wasser

In einem anderen britischen Landeboot, so erzählen es Anwesende später, versuchte ein Befehlshaber, mit Shakespeares „Heinrich V.“ die Truppen zu motivieren: „Und Edelleut‘ in England, jetzt im Bett, Verfluchen einst, dass sie nicht hier gewesen“, rezitierte er. Die letzten langen Meter wateten die Soldaten durchs kalte Wasser, bis zur Achselhöhle reichte es Robert Coupe, dessen Einheit bei der Schlacht um Caen zum Einsatz kam.

Unzählige sollten jedoch nie lebend den Strand erreichen. Es wurde so viel geschossen und gebombt, dass kaum noch jemand erkannte, aus welcher Richtung die Granaten und Kugeln kamen. „Sehr beängstigend, sehr beängstigend“, sagte später einer der britischen Soldaten. Gleichwohl habe ein Gefühl von Aufregung geherrscht, „mit einem Knoten im Magen“. Die Männer wussten, dass sie Geschichte schrieben. Es war der 6. Juni 1944, und mit diesem Morgen wurde der Beginn des Endes des Zweiten Weltkriegs eingeläutet. So jedenfalls bezeichnet die Öffentlichkeit im Königreich gerne diesen historisch besonderen Tag, als etwa 150 000 Soldaten in der Normandie landeten.

Merkel am Mittwoch dabei

Mit dem D-Day startete die Operation Overlord, durch die die Anti-Hitler-Koalition unter Federführung der USA und Großbritanniens eine Westfront eröffnete. Mehr als 4000 Landungsboote brachten tausende Männer, aus den USA und Großbritannien, aus Frankreich, Polen, Kanada oder Australien an den rund 30 Kilometer langen Küstenstreifen, den die Alliierten in fünf Landezonen eingeteilt hatten. Im Hinterland der Küste landeten zudem rund 23 000 Soldaten in roten und weißen Fallschirmen. Dagegen hatte die Wehrmacht mit einer Invasion weiter nördlich bei Calais gerechnet, deshalb waren dort die meisten der Divisionen stationiert.

Es kam anders. Am Ende hatten die Deutschen „der größten alliierten Invasion, die jemals gebildet wurde“, wie es der britische Historiker Toby Haggith vom renommierten Imperial War Museum nennt, lediglich 50 000 Mann entgegenzusetzen. Seitdem sind 75 Jahre vergangen, nächste Woche finden sowohl im Königreich als auch in Frankreich große Gedenkveranstaltungen statt.

Bei jener im britischen Portsmouth an diesem Mittwoch erinnern Königin Elizabeth II., andere Mitglieder der Königsfamilie, die scheidende Premierministerin Theresa May sowie US-Präsident Donald Trump, der französische Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel an den D-Day. In der Normandie wiederum finden die Jubiläumsveranstaltungen am Donnerstag ebenfalls mit internationalen Gästen statt, aber anders als vor fünf Jahren ohne Merkel und ohne den russischen Präsidenten Wladimir Putin, den der damalige französische Präsident François Hollande trotz des frischen Konflikts um die Krim eingeladen hatte.

Das ist umso überraschender, da Macron wie Hollande historische Jahrestage gerne für prunkvolle Zeremonien nutzt, in denen er die Bedeutung des Friedens und der europäischen Einheit betont. An der Seite von May will er den Grundstein für ein britisches Erinnerungsmahnmal legen. Mit Trump sind ein Mittagessen geplant sowie eine Zeremonie auf dem US-amerikanischen Friedhof in Colleville-sur-Mer.

Zur internationalen Feier im Abschnitt Juno Beach, wo 1944 mehr als 20 000 kanadische Soldaten landeten, kommt statt Macron allerdings Premierminister Édouard Philippe. Der Präsident selbst nimmt an einer Hommage für 177 getötete Soldaten der Kommandoeinheit der Freien Französischen Marine unter Philippe Kieffer teil.

Französische Erinnerungskultur

So mutig diese auch gewesen seien, so handele es sich dabei angesichts der rund 150 000 Soldaten aus aller Welt, die in der Normandie kämpften, um eine „Verzerrung der Ereignisse“, sagt der französische Historiker Olivier Wieviorka, Autor eines Buches zum Thema, das auf Englisch unter dem Titel „Normandy“ erschienen ist.

Ihm zufolge werde die Rolle der französischen Résistance (Widerstand) oft überbetont: Zumindest aus militärischer Sicht sei sie minimal gewesen – sie beschleunigte die Befreiung, entschied aber nicht über den Krieg. Erklären lässt sich dies Wieviorka zufolge mit der französischen Erinnerungskultur, in der die Operation Overlord überwiegend positiv bewertet werde: „Die Landung steht für die Franzosen für den Beginn der Befreiung ihres Landes von der Nazi-Besatzung und ist im kollektiven Gedächtnis stärker verankert als das Ende des Krieges.“ Einen Anteil daran habe auch die Dramaturgie der Ereignisse – die Faszination für die moderne Kriegstechnik, die eingesetzt wurde, für die ankommenden Helden, die Erfolge der Agenten.

Das Narrativ, mit den USA die Befreier Europas zu sein, wird derweil gerne in Großbritannien genutzt. Und so laufen schon seit Wochen die Vorbereitungen für den D-Day, es werden im ganzen Königreich historische Ereignisse nachgespielt, die Medien veranschaulichen die Kämpfe anhand von Filmen und Augenzeugenberichten. Für die Briten ist der D-Day „das Schlüsselereignis“, so Historiker Toby Haggith.

Das liege nicht nur daran, dass die Operation extrem gut und mit langem Vorlauf geplant wurde. Nach dem Scheitern der Briten in der Schlacht von Dünkirchen eröffnete der D-Day die Möglichkeit, Rache zu üben und sich zu rehabilitieren.

Dabei achteten die Bündnispartner darauf, dass die Invasion, die angesichts des schieren Ausmaßes „niemals kein Erfolg werden konnte“, so genau gefilmt und fotografiert wurde wie keine Schlacht zuvor. „Hier wurde ganz bewusst Geschichte geschrieben“, sagt Haggith. Hinzu komme, dass der D-Day „eine sauber zu erzählende Story“ war und Optimismus verbreitete – anders als beispielsweise die kontroversen Ereignisse in Südostasien oder jene im Anschluss des Krieges in Europa. „Der D-Day wurde auch deshalb zum Fokus der westlichen historischen Erinnerung“, so Haggith. Erst später sei die Bedeutung der Sowjetunion anerkannt worden. Auch wenn die Westfront bedeutend war, sei die Wehrmacht durch die Schlacht von Stalingrad und die Niederlage an der Ostfront zerstört worden, analysiert er.

Feiern und Brexit

Haggith wird in Portsmouth sein, gibt aber zu, dass der Wirbel um den Jahrestag zu einem „merkwürdigen Zeitpunkt“ komme. Das Königreich steckt im Drama um den Ausstieg aus der EU. Und viele Brexit-Gegner verweisen gerne darauf, dass die Europäische Union eben genau das sei, wofür die Alliierten am D-Day im Grunde gekämpft hätten. Die Briten trugen bei dieser Operation maßgeblich dazu bei, den Weg zu einer späteren Staatengemeinschaft zu ebnen. „Nun kehren wir in gewisser Weise dem Kontinent den Rücken zu“, meint der Historiker.

Bei den Franzosen gibt es laut Wieviorka bei allem Lob zwei Einschränkungen: die Kritik des späteren Präsidenten Charles de Gaulle, zu dieser Zeit Chef der „Freien Französischen Streitkräfte“, an der mangelnden Einbeziehung der französischen Streitkräfte der Résistance sowie das große Leid der Menschen vor Ort. Während der Kämpfe und Bombardierungen verloren 13 600 Zivilbürger ihr Leben. Die Stadt Caen wurde zu 80 Prozent zerstört.

Überreste deutscher Bunker

Bis heute sind die Spuren der Landungen an der französischen Nordküste sichtbar. Entlang des Atlantikwalls stehen Überreste deutscher Bunkerbefestigungen. Teile der künstlichen Hafenanlagen aus Beton ragen noch immer aus dem Meer, über die damals Soldaten, Fahrzeuge und Nachschubgüter an Land gebracht wurden. Auf Militärfriedhöfen erinnern lange Reihen von überwiegend weißen Kreuzen an die rund 200 000 hier getöteten Soldaten; schwarz sind sie nur auf den deutschen Soldatenfriedhöfen.

Lag der Akzent beim Gedenken in Frankreich zunächst auf der Verherrlichung der Soldaten als Helden, richtet sich der Blick Olivier Wieviorka zufolge seit einigen Jahren mehr auf das Schicksal der leidenden Zivilbevölkerung. „Lange galt es wohl als unpassend zu beschreiben, dass die Alliierten, denen Frankreich die Befreiung verdankt, eben auch Tod und Zerstörung säten.“

Bis 1984 habe das Militär das Gedenken organisiert. Dann machte Frankreichs Präsident François Mitterrand staatliche Feierlichkeiten daraus, zu denen er auch Politiker einlud. „Er betonte nicht mehr die Idee des Sieges“, so Wieviorka, „sondern verknüpfte sie mit einer Botschaft des Friedens, der Versöhnung und des europäischen Aufbaus.“