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Epidemie Mindestens 72 Menschen nach jüngstem Ausbruch in Zentralafrika gestorben / Republik von politischen und wirtschaftlichen Krisen erschüttert

Angst vor dem tödlichen Fieber im Kongo

Archivartikel

Es hört nicht auf. Schon wieder ist der Ebola-Virus in dem afrikanischen Land ausgebrochen. Regierung und internationale Helfer haben Strategien für den Kampf gegen die Krankheit – doch die Furcht in der Bevölkerung bleibt. Ein Ortsbesuch in der Millionenstadt Goma.

Es ist Happy Hour in der Bar am Kivusee. Entwicklungshelfer aus dem Westen und reiche Kongolesen trinken zwei Bier zum Preis von einem. Verschnaufpause von Schmutz und Hektik in Goma, der Millionenstadt im Ostkongo. Manchmal gehe ich in diese Kneipe, um auszuspannen. Aber an diesem Abend wird es nichts mit dem gemütlichen Bier. Eine Entwicklungshelferin rennt herbei. Sie wedelt mit ihrem Smartphone vor meinem Gesicht. „Hast du das schon gesehen“, ruft sie und zeigt mir eine deutsche Nachrichtenseite. „Hoffentlich bleibt das da oben.“

„Das“ ist Ebola. Die Krankheit ist im Dorf Mangina ausgebrochen, etwa 350 Kilometer nördlich von Goma. Alle reden darüber, spekulieren, ob das tödliche Fieber zu uns in die Stadt kommen könnte. Das Dorf, wo Ebola wütet, ist nur 30 Kilometer entfernt von Beni. Dort gibt es einen Flughafen. Viele Geschäftsleute und humanitäre Helfer reisen regelmäßig zwischen Beni und Goma.

Brutale Milizen

Natürlich habe ich mitbekommen, dass die Epidemie nun auch in der Provinz Nord-Kivu grassiert, wo ich lebe. Eigentlich will ich mich gerade auf den Weg machen, um in der Nähe von Beni Journalisten auszubilden. Das lasse ich erst mal bleiben. Feigheit oder Vernunft? Ich ringe mit mir und entschließe mich für Vernunft. Das fühlt sich besser an.

Es ist wieder einmal ein Moment, um über Menschen nachzudenken. Die Journalisten, die Nothelfer, die Entwicklungsstrategen, die Macher, die den chaotischen Kongo befrieden wollen. Sie fachsimpeln nun über Ebola, geben ihr Halbwissen zum Besten. Vor allem aber flehen sie, dass die Seuche bald wieder verschwinde. Sie nehmen das Thema sehr ernst.

Dass in derselben Region Milizen plündern, Hunderte Frauen, Kinder und Männer massakrieren, beschäftigt die Happy Hour eher selten. Die krummen Geschäfte mit den Bodenschätzen zugunsten der westlichen Industrie sind Nebensache. Und auch, dass jeder sechste Mensch in Nord-Kivu ständig auf der Flucht vor Banden ist, interessiert eher dann, wenn ein Helfer sich brüstet, wie gut seine Organisation die Leute versorgt habe.

Jetzt haben die internationalen Experten Angst. Viele zögern, in das Ebola-Gebiet zu reisen. Nicht weil sie fürchten, sich anzustecken. Die gut geschulten Mediziner kennen ihr Handwerk. Aber wer will sich von einer unberechenbaren Miliz abschlachten lassen?

Mein Bauch grummelt. Das bedeutet Wut. Aber ja, man muss großzügig sein. Sobald das eigene Leben bedroht sein könnte, rücken die Menschen in ihrer sozialen Klasse zusammen. Irgendwann kennt dann jeder nur noch sich selbst. Überlebensinstinkt.

Bald zirkulieren Informationen, wie man sich vor Ebola schützen kann. Ich lese sie sorgfältig und recherchiere im Internet darüber. Ich lerne, dass die meisten Leute beim Händewaschen die Fingerkuppen und den Daumen vernachlässigen. Über so etwas habe ich noch nie nachgedacht.

40 bis 60 Sekunden dauert es, die Hände gründlich zu reinigen. Eine Minute lang Finger schrubben? Das scheint mir übertrieben. Aber später, als ich vom Markt komme, drehe ich den Wasserhahn noch einmal auf und knete meine Daumen mit Seife. Sicher ist sicher.

Nein, ich bin nicht in Panik. Aber automatisch filtere ich mein Handy nach dem Wort „Ebola“. Ich will mit einer Freundin in die Stadt fahren, da blinkt die E-Mail auf. Das Gesundheitsministerium in Kinshasa vermeldet Neuigkeiten. „Lasst uns erst mal schauen“, mahne ich. Unter anderem steht da, dass auch ein Krankenhaus in Goma darauf vorbereitet wird, Ebola-Patienten zu behandeln.

Meine Bekannte stutzt für einen Moment. Sie arbeitet als Flugbegleiterin in einer Maschine der Vereinten Nationen (UN). Zuvor haben wir schon gescherzt, dass ich sie nicht mehr zur Begrüßung umarmen sollte. Berührungen können das Virus übertragen. Und schließlich landet das Flugzeug manchmal in Beni.

Es liegt nahe, dass die größte UN-Friedensmission der Welt der kriselnden kongolesischen Regierung im Kampf gegen Ebola zur Seite steht. Vielleicht würden Kranke also im UN-Flieger transportiert, wo meine Bekannte arbeitet. „Ich lese wohl besser nach, wie ich das Ebola-Kit benutzen muss“, sagt sie und grinst. Mir schießt der Gedanke durch den Kopf: „Mädchen, passe bloß auf dich auf.“ Aber ich behalte ihn für mich.

Es dauert nicht einmal 24 Stunden, bis Gerüchte auftauchen. In einer Unterhaltung auf der Kommunikationsplattform Whatsapp behauptet ein Medienschaffender, ein Soldat liege mit einer schweren Fiebererkrankung im Militärkrankenhaus in Goma. „Gott stehe uns jetzt bei“, schreibt ein anderer. Die angebliche Information entbehrt jeder Wahrheit.

Gerücht und Information

Kurz darauf meint jemand zu wissen, dass die Weißen und die amerikanische Regierung die Krankheit absichtlich in den Kongo getragen hätten. Es ist die alte Geschichte vom bösen weißen Mann, der den Schwarzen ausrotten will.

Ich ärgere mich. Wie können Journalisten in solch einem sensiblen Moment in Kauf nehmen, dass die Bevölkerung erschrickt? Kurz überlege ich, ob ich nicht gerade jetzt nach Beni reisen müsste, um die lokalen Kollegen zu schulen. Die meisten hatten nie eine Ausbildung. „Recherche“ und „Unterschied zwischen Gerücht und Information“ wären auf dem Programm gestanden. Aber ich verwerfe den Gedanken. Klar, Vernunft, überleben eben.

Was aber, wenn Ebola tatsächlich nach Goma käme? Mir fällt ein, wie wir Weißen evakuiert wurden, als Rebellen 2012 die Stadt überrannten. Ich bin bereits jenseits der Grenze, sitze in einem Auto auf dem Weg in ein sicheres Hotel. Eine kongolesische Freundin ruft an. Das Grauen spricht aus ihrer Stimme: „Eine Granate hat eingeschlagen, mein Bruder verblutet, bitte, hilf uns.“

Mein Herz schlägt bis zum Hals. Bloß das nicht wieder, Ebola, bleibe weg aus Goma!

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