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Handel In Europas großen Häfen zeigt sich besonders deutlich, was ein Ausscheiden Großbritanniens ohne Abkommen bedeuten könnte

Angst vor Zollkontrollen, Lieferengpässen und Staus

Archivartikel

Calais/Rotterdam.An keinem anderen Ort ist Großbritannien dem europäischen Festland so nahe, an guten Tagen kann man sie von hier aus sogar sehen – die berühmten Kreidefelsen von Dover. Kein Wunder, dass die französische Hafenstadt Calais der wichtigste Zugang zum Vereinten Königreich ist. Die Straße von Dover überqueren nach Angaben der Hafengesellschaft jedes Jahr mehr als 40 Millionen Tonnen Waren und zwei Millionen Lkw.

Ein Brexit ohne Abkommen könnte all das gehörig durcheinanderwirbeln – dann liegt die EU-Außengrenze auch im Hafen von Calais. Das heißt, dass jeder Container und jeder Lkw von und nach Großbritannien Zollpapiere braucht. Es drohen Kontrollen, Lieferengpässe und lange Staus.

Von all dem will der Hafenchef von Calais nichts hören. „Es wird keine Probleme geben“, verspricht Jean-Marc Puissesseau. „Wir bereiten uns seit einem Jahr auf einen No-Deal-Brexit vor, wir sind bereit“, sagt Puissesseau. Der Plan sei es, die Lkw-Fahrer Richtung Großbritannien zu fragen, ob sie Papiere dabei haben, erklärt Puissesseau. „Wenn sie ,Ja’ sagen, verlassen wir uns darauf.“ Es gebe dann höchstens Stichproben. Für Lkw ohne Zollpapiere gebe es einen neuen Parkplatz mit 200 Stellplätzen, dort könnten die Papiere dann ausgefüllt werden.

Sechs Millionen Euro hat der Hafen in die neue Infrastruktur investiert. Auch die französische Regierung hat im Januar 50 Millionen Euro für französische Flughäfen und Häfen bewilligt. Hunderte neue Zollbeamte werden eingestellt. Als Vorgeschmack auf den Brexit behindert seit Wochen ein Bummelstreik der französischen Zollbeamten den Verkehr. Die Zöllner machen Dienst nach Vorschrift und kontrollieren ganz genau. Die Folge: kilometerlange Staus. Mit ihrer Aktion wollen die Beamten zeigen, dass Frankreich auf den Austritt der Briten nicht ausreichend vorbereitet ist.

Extra-Parkplätze für 700 Lkw

Auch am Rotterdamer Hafen bereitet man sich seit Monaten auf den Brexit vor. Europas größter Hafen geht von einem Brexit ohne Deal aus. Alle Exporteure müssen ihre Fracht im vollautomatischen System „Portbase“ registrieren, wenn sie die neue EU-Außengrenze überqueren wollen. „Bei einem Lkw-Fahrer, der online nicht autorisiert ist, bleibt die Schranke automatisch geschlossen“, so Direktor Iwan van der Wolf.

Der Hafen schätzt, dass täglich rund 400 Lkw an einem der Terminals der England-Fähren stranden werden. Vorsorglich wurden bereits fünf zusätzliche Not-Parkplätze für insgesamt rund 700 Lkw in Nähe der Terminals angelegt. Verkehrsministerium und Kommunen fürchten den totalen Verkehrsinfarkt nicht nur im Hafengebiet, sondern auch auf den Zufahrtswegen, in der Stadt und den umliegenden Dörfern.

Der niederländische Zoll wird zusätzlich 900 Mitarbeiter anstellen, denn er erwartet, dass mehr als 10 000 Schiffe und zehn Millionen Passagiere pro Jahr extra kontrolliert werden müssen. Experte Schmidt-Kessel ist sich sicher: „Es wird richtig rumpeln – das wird richtig teuer.“

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