Welt und Wissen

Atmosphäre der Verruchtheit

In der Ferne funkelt das Chrysler Building durch die New Yorker Nacht, in einer Seitenstraße in Manhattan stapeln sich Müllsäcke und Pappkartons. Eine unscheinbare dunkelgraue Tür im Schatten eines Metallgitters trägt die Buchstaben „AB“. Hier muss es sein. Es gibt keinen Griff, und das Klopfen wird von gedämpftem Stimmengewirr geschluckt.

Es dauert ein bisschen, aber dann schwingt die Tür auf und eine junge Frau kommt aus dem „Attaboy“. Sie spricht schneller als andere denken. Danke für das Interesse, aber im Moment sei alles voll. „Ich kann dich aber anrufen, wenn sich das ändert.“ Kein Wunder, sind doch die „Speakeasies“ im 21. Jahrhundert in New York so beliebt wie früher.

Stilvoll und beliebt

Es gibt Dutzende, wenn nicht Hunderte dieser „geheimen“ Bars in der US-Ostküstenmetropole, und ihr Revival verspricht Besuchern eine besonders intime Atmosphäre. Einige liegen in Wohnungen von Apartmentblöcken, in andere gelangt man durch ein Restaurant oder man braucht ein Passwort. Voll sind sie trotzdem.

Schließlich klingelt das Handy, und der Zugang zum „Attaboy“ wird gewährt. Hinter der hölzernen Bar ist noch ein Hocker frei. An der Wand drängen sich die Flaschen. „Wie geht’s dir, Bruder?“, fragt der Mann hinter der Bar. Das „Attaboy“ ist auf jeden Fall kein Ort, um Selfies zu machen. Es will nebulös, verwegen und stilvoll sein. Wie die Konkurrenz. So überrascht die Badewanne im „Bathtub Gin“ genauso wenig wie die Porzellantassen, in denen man im „Back Room“ seine Drinks schlürft.

Gegenüber ihren historischen Vorbildern sind die Speakeasies der Neuzeit aber wenig authentisch. Sie sehen geheim aus, sind aber mit Hilfe des Internets einfach zu finden. Die Rechnung kommt in Schreibschrift auf einer Karteikarte: „Ein Neunzehndollar Drink“ steht drauf. Auch das war vor 100 Jahren anders.

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