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Auch Mädchen können werfen – wenn man sie nur lässt

Archivartikel

Die Bundesjugendspiele sind Pflicht. Alle Schulen müssen einmal im Jahr ein Sportfest abhalten. Springen, laufen, werfen, turnen, schwimmen – das gefällt nicht allen.

Ob Leichtathletik, Schwimmen oder Turnen – jede Schule muss bis einschließlich zehnte Klasse mindestens einmal im Jahr ein Sportfest abhalten. Das ist Pflicht seit 40 Jahren. Die Veranstaltungen sind jedoch umstritten.

Maßgeblich angestoßen wurde die Debatte über das Für und Wider 2015 von einer Mutter aus Konstanz, Christine Finke, die in einer Petition die Abschaffung des Sportfestes gefordert hatte. Die Bundesjugendspiele liefen dem Ziel, dass sie Kindern Spaß machen sollten, zuwider, sie seien demotivierend und setzten sie unter sozialen Druck. „Häufig werden die Ergebnisse der Wettkämpfe beim Austeilen der Urkunden sogar öffentlich im Unterricht verlesen, als würde es nicht reichen, dass auf dem Sportplatz die Mitschüler hautnah mitbekommen, wer besonders gut und besonders schlecht ist“, hieß es in der an das Bundesfamilienministerium adressierten Petition.

Gemeinschaftsgeist erfahren

Der Ausschuss für die Bundesjugendspiele, der für die Ausgestaltung der Sportfeste zuständig ist, sieht das anders. In einer Stellungnahme als Reaktion auf die damalige Debatte wird betont, dass die Spiele die Schulkultur „bereichern“ und für Schüler eine Chance seien, durch gemeinsames Erleben und Wettbewerbsstreben „die verbindende Kraft von Fairplay, Engagement und Gemeinschaftsgeist zu erfahren“. In dem Gremium sitzen der Leichtathletik-Verband (DLV), der Deutsche Olympische Sportbund, der Turner-Bund, der Schwimm-Verband sowie die Kommission Sport der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder.

Demotivierend oder bereichernd? Speziell den Wettbewerbsgedanken halten Experten für kritisch. „Viele Kinder sehen eine Weitsprunggrube bei den Bundesjugendspielen zum ersten Mal“, sagt Ulf Gebken, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Sport und Bewegungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Er plädiert dafür, den Schulen die Gestaltung zu überlassen: „Das Sportfest als Höhepunkt des Schuljahres ist ein großartiges Erlebnis, die Schulen sollten aber die Möglichkeit haben, selbst Konzepte zu entwickeln, die zu ihnen und ihrem Umfeld passen.“ Denn viele Kinder aus sozial benachteiligten Familien oder mit Migrationshintergrund hätten nicht dieselben Chancen, weil sie nicht entsprechend gefördert würden.

Gebken fürchtet zudem, dass die traditionellen Bundesjugendspiele viele Kinder vom Sporttreiben abhalten könnten. „Ein übergewichtiges Mädchen, das beim Sprint hinterherläuft, und die ganze Schule schaut dabei zu, macht das nie wieder.“ Eine Ansicht, die Petra Gieß-Stüber teilt. „Da werden Kinder vorgeführt, für viele ist das ein lebenslanges Trauma“, sagt die Professorin für Sportpädagogik am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Freiburg. Auch dass Mädchen und Jungen getrennt gewertet werden, wobei Mädchen für die gleiche Leistung mehr Punkte erhalten oder aber geringere Leistungen erbringen müssen, sieht sie skeptisch. Jungen in der Grundschule beispielsweise müssen 1000 Meter laufen, Mädchen aber nur 800 Meter. Für einen 20-Meter-Ballwurf erhalten Mädchen 294 Punkte, Jungen nur 204. Die Gesamtzahl der Punkte entscheidet über die Vergabe der Urkunde: Siegerurkunde, Ehrenurkunde oder keine Urkunde. „Das ist aus Geschlechtersicht problematisch, weil dort unreflektiert Bilder transportiert werden: Mädchen sind per se unsportlich, und man kann weniger Leistung erwarten, Jungen sind sportlich leistungsfähiger“, warnt Gieß-Stüber. Je mehr Kinder mit diesen Klischees konfrontiert werden, desto mehr entsprechen sie ihnen am Ende auch. Ein Mädchen, das ständig hört „Ach guck mal, wie lustig die wirft“, wird kaum motiviert sein, für gute Wurfleistungen zu üben. „Das, was Kinder speziell im Grundschulalter abliefern, hat weniger mit ihrer biologischen Ausstattung zu tun als mit Anreizen und Sozialisierungserfahrungen: Sind sie im Verein oder nicht, werden sie gefördert oder nicht?“

Das räumt auch der Leichtathletikverband ein: „Wissenschaftlicher Stand ist, dass die motorischen Unterschiede sowie die der koordinativen Fähigkeiten zwischen Mädchen und Jungen vor der Pubertät sehr gering und damit vernachlässigbar sind“, erklärt Vize-Präsident Jugend des DLV, Dominic Ullrich.

Getrennte Gruppen

Gehen Mädchen und Jungen also demnächst gemeinsam an den Start? Wohl eher nicht. Im Ausschuss wird befürchtet, dass viele Mädchen bei den Urkunden leer ausgehen könnten, wenn sie künftig wie die Jungen bewertet würden – nicht, weil sie es theoretisch nicht genauso gut könnten, sondern weil sie in der Realität anders sozialisiert werden. Zurzeit ist die Bilanz von Ehren- und Siegerurkunden bei Jungen und Mädchen in etwa gleich.

Der DLV schlägt zumindest für die Grundschulen darum eine andere Lösung vor: den Wettbewerb. Der Vorteil: Beim Wettbewerb gibt es neben den klassischen Disziplinen Sprint, Weitsprung, Weitwurf noch andere Sportarten wie Hürdensprints, Hochsprung, Drehwürfe und Stoßen. Außerdem werden solche Wettbewerbe nicht nach internationalen Wettkampfregen durchgeführt und die Leistungen nicht auf den Zentimeter und die Sekunde genau gemessen. Stattdessen werden innerhalb einer Jahrgangsstufe Ranglisten erstellt: Wer ist am weitesten gesprungen, hat die Hürden am geschicktesten umrundet, hat den Ball am weitesten geworfen?

Es gibt nur zwei Haken: Auch bei dieser neuen Form der Bundesjugendspiele wird weiter nach Mädchen und Jungen getrennt. Und: So neu ist der Wettbewerb gar nicht, es gibt ihn schon seit 2001 – die meisten Schulen führen bei ihren Sportfesten aber nach wie vor den Wettkampf durch. Der Leichtathletikverband will hier mehr Aufklärungsarbeit leisten, unter anderem soll es bald eine neue Info-Broschüre für die Schulen geben. Vielleicht hat das Bundesfamilienministerium dann auch (wieder) recht, das in seinem Aufruf für das kommende Schuljahr 2019/20 erklärt: „Die Bundesjugendspiele sind immer noch attraktiv.“

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