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Südostasien Katholische Kirche kritisiert die Regierung, aber den offenen Bruch wagt sie nicht / Ausufernde Slums am Rande der Großstädte

Auf den Straßen der Philippinen herrschen Armut und Gewalt

Archivartikel

Präsident Rodrigo Duterte hatte ver-sprochen, die bittere Not zu lindern. Doch daraus ist nichts geworden. Dafür tobt der Drogenkrieg. Menschen leben in schäbigen Hütten. Viele gehen weg, arbeiten in nahezu allen Ecken der Welt. Ohne das viele Geld, das sie nach Hause schicken, würde das Land zusammenbrechen.

Derzeit herrscht in vielen philippinischen Familien große Traurigkeit. Über Weihnachten waren Hunderttausende Arbeitskräfte, die ihr Geld in aller Herren Länder verdienen, in ihre Heimat zurückgekehrt. Diese heimlichen Helden der Philippinen arbeiten in nahezu allen Winkeln als Kindermädchen, Putzfrauen, Bauarbeiter, Seemänner oder Pflegekräfte. Doch das Fest ist schon lange vorbei. Die Helden sind wieder abgereist, die meisten in den Mittleren Osten, nach Singapur oder Hongkong, viele auch in die Vereinigten Staaten oder nach Europa.

Wann es aber für sie ein Wiedersehen mit der Familie geben wird, ist unklar, denn die wenigsten leisten sich den teuren Heimaturlaub einmal im Jahr. Viel wichtiger ist es, alles Ersparte nach Hause zu überweisen, damit Kinder oder Geschwister zur Schule gehen, das Haus ausgebaut oder die alten Eltern versorgt werden können.

Kaum ein Land entsendet so viele Arbeitskräfte: Um die zehn Prozent der Bevölkerung, also etwa zehn Millionen Filipinos, schuften in der Ferne, weil es im südostasiatischen Inselstaat nicht genügend Jobs für die rasant wachsende Bevölkerung gibt. Ihre Entbehrungen zahlen sich aus – mehr als 20 Milliarden Euro haben die im Ausland arbeitenden Filipinos im vergangenen Jahr in die Heimat überwiesen.

Ferne hat ihren Preis

Diese Finanzspritzen kurbeln nicht nur den Konsum und damit die Wirtschaft kräftig an, sondern sind für unzählige Familien die wichtigste Einkommensquelle. Doch der Geldsegen aus der Ferne kostet einen hohen Preis: Die oft langjährige Abwesenheit von Eltern, Ehepartnern oder Geschwistern führt zu Entfremdung und Zerrüttung, viele Familien brechen auseinander. Beobachter warnen seit Jahren davor, dass das Fundament der philippinischen Gesellschaft in Gefahr sei. Doch es ist ein Teufelskreis – ohne das Geld der im Ausland schuftenden Filipinos geht es einfach nicht.

Dabei regiert einer die Philippinen, der das alles ändern wollte. „Ich hole euch alle nach Hause! Wir werden ausreichend Jobs für euch schaffen!“, versprach Rodrigo Duterte während seines Wahlkampfes Anfang 2016. Im Mai desselben Jahres wurde er mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt, doch seither hat sich nichts daran geändert, dass Millionen seiner Landsleute aus wirtschaftlicher Not im Ausland arbeiten müssen.

Auch wenn Duterte, der im Gegensatz zu seinen Vorgängern keinem der superreichen Clans des Landes angehört, bemüht ist, Geldgeber für wichtige Infrastrukturprojekte zu finden, konnte er nichts an dem gewaltigen Armutsproblem ändern. Nach Angaben der Asiatischen Entwicklungsbank leben mehr als ein Fünftel der 104 Millionen Filipinos unterhalb der Armutsgrenze. Von dem seit Jahren hohen Wirtschaftswachstum von mehr als sechs Prozent profitieren die sozial Schwächsten allerdings nicht.

Nach wie vor gibt es am Rande der Großstädte ausufernde Slums, in denen Millionen unter unsäglichen Bedingungen hausen. Und ausgerechnet dort, zwischen den aus Holz, Pappe, Steinen und Wellblech gebauten Hüttchen, tobt Dutertes blutiger Drogenkrieg. Auch das war ein Versprechen, mit dem der Jurist auf Stimmenfang gegangen war: Er würde sie jagen, die Drogenbosse, die Dealer und die Abhängigen. Ihre Leichen würde er den Fischen in der Manila Bay zum Fraß vorwerfen, hatte er gedroht. Denn die Drogensucht, so glaubt Duterte, ist die Wurzel allen Übels in seinem Land.

„Warum nicht geschockt?“

Und in diesem Fall stand der 72-Jährige zu seinem Wort. Mehr als 13 000 Tote hat seine Kampagne inzwischen nach Angaben von Menschenrechtlern gefordert. Die meisten Opfer sind Junkies und Kleindealer aus den Slums, die wegen angeblicher Gegenwehr bei Razzien von Polizisten erschossen wurden. Auch Killerkommandos, die nachts auf Motorrädern auftauchen, sind für etliche Tote verantwortlich. In wessen Auftrag sie morden – keiner weiß es. Eine polizeiliche Untersuchung gibt es in den wenigsten Fällen.

Dennoch regt sich Widerstand gegen den cholerischen Staatschef nur zögerlich, Demonstrationen gegen die Menschenrechtsverletzungen hatten in Dutertes erstem Amtsjahr geringen Zulauf. Erst als ein junger Mann im August 2017 während einer Razzia nachweislich von Polizisten exekutiert wurde, kam es zu nennenswerten Protesten.

Auch die katholische Kirche kam aus der Deckung. Erzbischof Socrates Villegas: „Warum sind wir nicht geschockt von den Schüssen und dem Blut auf unseren Straßen? Wieso werden nur die Armen erschossen, während reiche Verdächtige mit Verbindungen ein ordentliches Verfahren bekommen?“

Verhütungsmittel sind verpönt

Geholfen hat es wenig, das Morden geht weiter. Dabei hat die Kirche traditionell Gewicht auf den Philippinen, verbreiteten die spanischen Eroberer hier doch bereits im 16. Jahrhundert den katholischen Glauben. Mehr als 80 Prozent der Filipinos sind heute Katholiken, ein Spitzenwert in Asien. Konservative Würdenträger üben ihre Macht erfolgreich von der Kanzel aus: Die Philippinen sind das einzige Land weltweit ohne Scheidungsgesetz – außer dem Vatikan. Abtreibungen sind illegal, Verhütungsmittel verpönt.

Doch im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist Präsident Duterte ein ausgesprochener Gegner der Kirche. Bisher haben die Bischöfe keine glaubwürdige Antwort gefunden, weder auf Dutertes Schmähungen noch auf seinen Drogenkrieg. Dabei wäre ihre Führungsrolle jetzt so wichtig wie damals im Jahr 1986, als Priester und Nonnen in vorderster Front gegen den Diktator Ferdinand Marcos marschierten.

Es war auch ihr Mut und ihr Glaube, der Millionen Filipinos auf die Straße brachte, und den Despoten in einer unblutigen Revolution in die Flucht schlug. Doch bisher fehlt der Mut zum Widerstand.