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Balkan Ob Kosovo, Mazedonien oder Bosnien-Herzegowina – die Staaten des ehemaligen Jugoslawien verlieren ihre Bevölkerung an wirtschaftliche Zentren wie Deutschland oder Großbritannien

Auf der „falschen Seite“ Europas geboren

Archivartikel

Zehntausende verlassen ihre Heimat in Südosteuropa, weil sie Unfreiheit, Abhängigkeit von Parteien und schlechte Löhne satt haben.

Azra N. bekam gleich nach dem Diplom einen Job an der Universität als Tierärztin. Doch nach fünf Jahren wurde an ihrer Stelle eine Kollegin eingestellt. Azra verlor ihre Arbeit. In Bosnien-Herzegowina – wie in ganz Südosteuropa – werden viele Posten nur an jene vergeben, die einer einflussreichen Partei nahestehen. Professionalität und Leistung sind zweitrangig.

Azra jobbte daraufhin bei internationalen Hilfsorganisationen, die beispielsweise Straßenhunde kastrieren. Eine Arbeitsstelle fand sie nicht mehr. Nach zwei Jahren, in denen sie erfolglos Bewerbungsschreiben verschickte, entschloss sie sich, in Deutschland Arbeit zu suchen. Diese fand sie auch. Jetzt wartet sie auf ihr Visum. Dann geht es ins Rheinland.

Die 38-Jährige ist eine von Tausenden Bosniern, die jedes Jahr in die Europäische Union auswandern – vor allem nach Njemaèka, Deutschland. Es gibt kaum jemanden, der nicht weg will. Auch in Serbien, Montenegro, Mazedonien, Albanien und dem Kosovo ist die Situation ähnlich. Dabei geht es nicht nur um Massenarbeitslosigkeit – in Bosnien-Herzegowina liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über 60 Prozent –, es geht nicht nur um schlecht bezahlte Jobs und harte Arbeitsbedingungen. Sondern viele Menschen wollen einfach nicht mehr in einer Gesellschaft leben, in der man derart abhängig von Parteien ist, unter starker sozialer Kontrolle steht und wenig individuelle Freiheiten genießen kann.

Deutsche Bürokratie überlastet

In Südosteuropa bestimmen Familien und Konventionen, Zugehörigkeit zu Nationalität und Religion das Leben. Parteien und einflussreiche Familien sowie Geschäftsleute haben die staatlichen Strukturen so unterlaufen, dass der Bürger als Individuum nur bedingt Gerechtigkeit erfährt – in Verwaltung wie Justiz.

Im Jahr 2016 hat Deutschland 19 000 Arbeitsvisa an südosteuropäische Bürger vergeben, im Jahr 2017 waren es knapp 25 500. Dieses Jahr werden es ähnlich viele sein. Die Deutschkurse sind in ganz Bosnien-Herzegowina ausgebucht. Allein in der Sprachschule „Vokabular“ in Mostar haben in den vergangenen zwei Jahren 511 Personen Deutsch gelernt. Drei Monate Unterricht kosten 125 Euro.

Es ist traurig, dass viele keine andere Perspektive für ihr Leben sehen. Viele Südosteuropäer beschweren sich, dass die deutschen Botschaften langsam arbeiteten. Aber die deutsche Bürokratie ist mit dem Ansturm auch arbeitszeitlich überfordert. Viele Südosteuropäer haben bereits Arbeitsverträge, können aber nicht ausreisen, weil sie noch kein Visum erhalten haben. Die meisten deutschen Visa wurden in den vergangenen beiden Jahren übrigens an der Botschaft in der kosovarischen Hauptstadt Pristina vergeben.

Deutschland sucht vor allem Pflegekräfte. Die Auslandsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit kooperiert deshalb mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), um Leute vom Balkan nach Deutschland zu vermitteln. Neben Deutsch- können auch Pflegefachkurse besucht werden – und es wird bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen geholfen.

Aber nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Höherqualifizierte emigrieren massenhaft. Der bosnischen Vereinigung für medizinisches Personal zufolge haben allein im Jahr 2016 300 Ärzte Bosnien-Herzegowina verlassen. Angesichts dessen, dass die Ausbildung eines Arztes dem Staat etwa 150 000 Euro kostet, ist das ein herber Verlust für das Land. Für viele ist es eine einfache Rechnung: Selbst wer das gesamte Arbeitsleben noch vor sich hat, kann nicht damit rechnen, jemals nur annähernd so gut zu verdienen wie etwa in Deutschland. Laut einer Studie der Weltbank ist mit einer Angleichung der Löhne erst nach sechs Generationen zu rechnen.

Viele Menschen – auch in denjenigen Staaten Ost- und Südosteuropas, die bereits in der Europäischen Union sind – haben damit gerechnet, dass diese Angleichung viel schneller erfolgt. Sie sind deshalb frustriert, enttäuscht, manchmal auch eifersüchtig und neidisch auf die Mittel- und Westeuropäer. Sie denken, dass sie nur durch einen ungerechten Zufall auf der „falschen Seite“ Europas geboren wurden.

Gesunkener Lebensstandard

Besonders stark verbreitet ist dieses Denken in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Die Bürger dort können es oft nicht verwinden, dass Bulgarien und Rumänien, auf die man jahrzehntelang herabblickte, bereits in der EU sind. In vielen Nachfolgestaaten Jugoslawiens war der Lebensstandard zudem vor 30 Jahren höher als heute.

Derweil werben Agenturen wie IPP Health gezielt Personal für Gesundheitsdienste an. „Sie sind Gesundheits- und Krankenpfleger und suchen eine neue Herausforderung in Deutschland?“, heißt es auf der Webseite. „Durch unsere langjährige Erfahrung im Personalmanagement sind wir kurzfristig in der Lage, Ihnen eine geeignete Stelle anzubieten. Gerne helfen wir Ihnen auch im Vorfeld bei der Erstellung eines aussagekräftigen Lebenslaufes oder beraten Sie unverbindlich hinsichtlich Ihrer beruflichen Möglichkeiten.“

Gestiegene Einkommen

Gemäß einem Bericht des Statistischen Bundesamtes kommen mittlerweile 2,6 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, aus Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Serbien, Kosovo und Bosnien-Herzegowina. 859 000 haben rumänische Wurzeln. Im Durchschnitt sind diese Migranten jünger als im deutschen Bevölkerungsdurchschnitt.

Die Abwanderung aus Ost- und Südosteuropa ist aber keineswegs ein neues Phänomen. Und die Unterschiede in den Verdienstmöglichkeiten waren bereits vor 100 Jahren sehr verschieden, je nachdem, ob man im Osten oder Westen arbeitete. Dem Migrationswissenschaftler Mathias Czaika von der Donauuniversität Krems zufolge lag im Jahr 1910 das Pro-Kopf-Einkommen in Osteuropa bei 28 Prozent des Niveaus in West- und Mitteleuropa. Heute liegt es bei 33 Prozent.

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