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Essay Ein Gewerkschaftsvorschlag bewegt die Bundesrepublik – weil er einen gesellschaftlichen Nerv getroffen hat und die Überforderung des modernen Menschen thematisiert

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Archivartikel

Die IG Metall hat mit ihrer Forderung nach einer phasenweisen Reduzierung der Arbeitszeit auf 28 Stunden eine konfliktreiche Tarifrunde eingeleitet – und eine breite Debatte ausgelöst. Die Lebensentwürfe wandeln sich, also muss es die Arbeit auch, findet unser Autor.

Dienstags gehört Vati mir“, könnte der zweijährige Junge sagen. Wenn er schon die Wochentage kennen würde. Dienstags muss Papa nicht zur Arbeit und kommt nicht erst zum Gute-Nacht-Sagen nach Hause. Dienstags darf Mama arbeiten, so lange sie will. Dienstags muss nicht die Oma kommen und den Kleinen von der Kita abholen. Dienstags ist Papa-Tag. Da haben Vater und Sohn Zeit füreinander, „Qualitätszeit“, wie manche das heute nennen.

Die IG Metall fordert in der laufenden Tarifrunde eine Art „Dienstag für alle“: Die Beschäftigten sollen für maximal zwei Jahre ihre Arbeitszeit von 35 auf bis zu 28 Stunden reduzieren dürfen – und die Arbeitgeber ihnen, zumindest wenn sie Schicht arbeiten, sich um Kinder unter 14 Jahren oder kranke Eltern kümmern, sogar noch einen Ausgleich von bis zu 200 Euro zahlen.

Mit dieser Forderung hat die Gewerkschaft die wohl konfliktreichste Auseinandersetzung seit Jahren eingeläutet. Die Empörung in den Vorstandsetagen ist groß wie lange nicht. Trotzdem ist die Forderung richtungsweisend für das ganze Land. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit wird früher oder später kommen. Und sie muss kommen.

Noch ist offen, ob sich die Arbeitnehmervertreter durchsetzen können. Auch die vierte Verhandlungsrunde ist gerade gescheitert. Eines aber steht jetzt schon fest. Die IG Metall hat einen Coup gelandet. Ihr ist etwas gelungen, was den politischen Parteien gefühlt schon so lange nicht mehr gelingt: Sie hat den Nerv der Zeit getroffen.

Ironischerweise handelt es sich genau um die Gewerkschaft, die nicht nur die mächtigste ist, sondern in den Köpfen vieler Menschen auch die antiquierteste und verbohrteste. Nun gilt sie plötzlich als Avantgarde. Für manche hat der Vorschlag sogar etwas Revolutionäres. Deshalb lohnt es sich, sich zu seinen drei Kernelementen ein paar Gedanken zu machen.

Reduzierung der Arbeitszeit

Der erste Punkt ist die phasenweise Reduzierung der Arbeitszeit. Er entspricht einer gesellschaftlichen Sehnsucht, die sich aus zwei Entwicklungen speist: einem Wandel der Werte und der zunehmenden Verdichtung der Arbeit.

Ersterer zeigt sich in zahlreichen Facetten. Im Gegensatz zur Nachkriegs-Generation ist in der postmateriellen Gesellschaft der wirtschaftliche Wohlstand nicht mehr der allein glückselig machende Faktor. Erfolg im Beruf ist zwar noch wichtig, aber nicht mehr das Goldene Kalb, um das alle tanzen. Stattdessen ist die Bedeutung anderer Werte wie Familie und soziale Beziehungen gestiegen. Immer mehr Menschen wollen ihre Kinder beim Aufwachsen bewusst begleiten oder ihre kranken Eltern selbst pflegen.

Um diesen Ansprüchen in einer hoch beschleunigten und mobilen Gesellschaft, in der sich so viele überfordert fühlen, gerecht werden zu können, braucht es aber Zeit. Darum ist die Bedeutung dieser Ressource immens gestiegen. Für manche ist Zeit anstatt Geld gar die neue Leitwährung.

Am deutlichsten wird das wohl bei der oft beschriebenen Generation Y, also bei den heute etwa 30- bis 35-Jährigen. Sie sind selbstbewusst und wollen selbstbestimmt sein – und sich nicht für einen Beruf selbst aufgeben. Einer Studie des Zukunftsinstituts zufolge sagen nur noch 31 Prozent der 20- bis 35-Jährigen: „Mein Beruf ist mein Leben.“ Ein hoher Verdienst ist 55 Prozent der Befragten wichtig – flexible Arbeitszeiten dagegen 71, eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie sogar 81 Prozent. Das ist die neue Arbeitswelt.

Mit dem Wertewandel einhergeht auch ein verändertes Rollenbild. Das traditionelle Muster des männlichen Hauptverdieners und der Frau, die sich um alles andere kümmert, dominiert zwar nach wie vor. Es löst sich aber zunehmend auf. Frauen wollen sich heute nicht mehr zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen, sondern beides vereinen – freilich auch, weil es inzwischen die Möglichkeiten dafür gibt. Männer können sich von Kind und Küche nicht mehr zurückziehen und – noch viel wichtiger – wollen es meist auch nicht mehr.

So wird die Haus-, aber auch die Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern neu aufgeteilt. Das Ergebnis lässt sich in der Statistik ablesen: Seit 1991 hat sich der Anteil der Teilzeitbeschäftigten von 18 auf 39 Prozent mehr als verdoppelt.

Und diese Entwicklung ist noch nicht am Ende, sondern wird durch einen zweiten Faktor beschleunigt: dem Wandel der Arbeit, ihrer Entgrenzung und zunehmenden Verdichtung. Egal, in welche Branche man schaut, die Anforderungen an die Arbeitnehmer sind in den vergangenen Jahrzehnten nach oben geschnellt. Neue Technologien, Digitalisierung, Globalisierung, das teils ins Absurde gesteigerte Gewinnstreben vieler Unternehmen haben eine Entwicklung ausgelöst, in deren Folge sich viele Beschäftigte wie ein Hamster im Rad fühlen. Mehr als die Hälfte der Vollzeitkräfte würden deshalb gerne ihre Arbeitszeit um durchschnittlich 10 Stunden reduzieren. Das hat eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ergeben. Die man anscheinend auch bei der IG Metall gelesen hat.

Allerdings enthält deren Forderung auch einen Knackpunkt. Sie würde den von mehr oder weniger allen Unternehmen beklagten Fachkräftemangel verschärfen. Da scheint es nur logisch und gerechtfertigt, dass die Arbeitgeber im Gegenzug für eine Flexibilisierung nach unten auch eine Flexibilisierung nach oben verlangen. Hier hat die Gewerkschaft in der Vergangenheit strikte Grenzen gezogen, etwa bei der Frage, wie viele Mitarbeiter länger als 35 Stunden arbeiten dürfen. Auch das erscheint inzwischen wie ein Relikt.

Darüber hinaus gäbe es noch weitere Potenziale, um die Personallücke zu schließen. Je flexibler sich die Arbeitszeit gestalten lässt, desto mehr gut ausgebildete Frauen stehen der Wirtschaft zur Verfügung. Selbst heutzutage bedeutet die Familiengründung noch zu oft einen Bruch in der Erwerbsbiografie. Wer es mit der Förderung von Frauen ernst meint, muss flexible Arbeitszeitmodelle anbieten.

Einen anderen Aspekt darf man ebenfalls nicht vergessen: Ein Drittel der Teilzeitbeschäftigten will länger arbeiten, darf aber nicht. Es wird also Zeit, über eine Neuverteilung der Arbeit zu reden – und das zweite Kernelement der IG-Metall-Forderung zu betrachten.

Rückkehrrecht in Vollzeit

Es zielt nämlich darauf ab, die „Teilzeitfalle“ zu umgehen. Denn schon heute haben die meisten Beschäftigten das Recht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren – allerdings geben sie damit ihren Anspruch auf eine Vollzeitstelle auf, was vielen zu riskant ist.

Dieses Problem haben auch die politischen Parteien erkannt. Schon die vergangene große Koalition hatte sich deshalb darauf verständigt, Beschäftigten ein Recht auf Rückkehr in eine Vollzeitstelle einzuräumen. Doch als die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) aus dem Vorsatz ein Gesetz machen wollte, hat die Union einen Rückzieher gemacht.

Nun soll es einen neuen Anlauf geben. Im Sondierungspapier von CDU, CSU und SPD ist dieser Punkt erneut aufgeführt. Und weil alle Beteiligten sich lächerlich machen würden, wenn es wieder misslingt, darf man davon ausgehen, dass das Recht unabhängig von der Metall-Tarifrunde kommt – wenn die große Koalition kommt.

Anders verhält es sich mit dem dritten Kernelement, das wahrhaft revolutionär scheint.

Ausgleich des Lohnausfalls

Die Gewerkschaft will, dass Beschäftigte, die aus familiären Gründen weniger arbeiten und so weniger verdienen, von den Firmen einen finanziellen Ausgleich bekommen. Geld fürs Nichtstun also. Das ist die rote Linie. Das klingt unerhört, nicht nur für die Arbeitgeber. Aber ist es das auch?

Schon heute bezahlen Unternehmen ihre Angestellten, wenn diese nicht arbeiten. Während des Urlaubs etwa oder im Krankheitsfall. Von einem Paradigmenwechsel kann also kaum die Rede sein. Und profitiert die Firma nicht auch davon, wenn ihre Mitarbeiter ihre „Work-Life-Balance“ verbessern, dadurch zufriedener, ausgeruhter, motivierter, effizienter sind?

Wichtig ist der Zuschuss vor allem deshalb, weil sonst die vorübergehende Arbeitszeitverkürzung eine Annehmlichkeit für Besserverdienende bleibt. Für diejenigen, die es sich leisten können, auf einen Teil des Gehalts zu verzichten, während alle anderen jeden Euro schon verplant haben, ehe er auf dem Konto ist. Der Ausgleich ist eine Art demokratisches Element.

Soll der Staat übernehmen?

Das führt zu der Frage, ob es nicht Sache des Staates sein sollte, diesen zu übernehmen, ähnlich wie beim Elterngeld. Gründe dafür gibt es. Schließlich erfüllen die Frauen und Männer in der hinzugewonnenen Zeit Aufgaben, die gesellschaftlich als wichtig erachtet werden: die Erziehung von Kindern oder die Pflege kranker Eltern. Und wenn die Angehörigen das machen, profitieren letztlich alle davon: die Unterstützten, die von Menschen versorgt werden, die ihnen meist näher stehen als alle anderen; die Versorger, deren Überlastung und schlechtes Gewissen abnehmen; und der Staat, der sich seltener um Fälle kümmern muss, wo alles schiefgegangen ist. Zudem hätte diese Lösung einen weiteren Vorteil: Sie würde nicht nur für die Mitarbeiter der Metallbranche gelten – beziehungsweise für die mit gültigem Tarifvertrag. Es wäre ein Fortschritt für alle Arbeitnehmer.

Wer aber so weit denkt, merkt schnell, dass die nun so heftig debattierte Forderung eigentlich ein zartes Herantasten ist. Und in einigen Jahren viel größere Jobauszeiten verlangt und diskutiert werden dürften, etwa eine bezuschusste Pflegezeit analog zum Elterngeld.

Zukunftsmusik, natürlich, angesichts der enormen Kosten. Aber das waren Krankenversicherung, Urlaubsanspruch, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder Elterngeld dereinst auch. Heute sind es soziale Errungenschaften, um die Deutschland weltweit beneidet wird, die den hiesigen Wirtschaftsstandort weiterentwickelt haben – und die das Leben lebenswerter machen.

Martin Geiger verknüpft in diesem Essay Fakten und Erkenntnisse mit eigenen Gedanken. Er arbeitet übrigens Teilzeit, um sich an einem weiteren Tag der Woche um seinen kleinen Sohn kümmern zu können: am Dienstag.