Welt und Wissen

Kulturgüter Allein in Stuttgart liegen 25 000 Gegenstände aus Namibia, Kamerun und Papua-Neuguinea / Debatte um den Begriff „Raubkunst“

„Bei Unrecht spielt der Wert keine Rolle“

Mit der Rückgabe der „Witbooi-Bibel“ und einer Peitsche an Namibia beschreitet Baden-Württemberg Neuland. Weitere Entscheidungen über den Umgang mit Ausstel-lungsstücken stehen an.

Eine ganze Woche nimmt sich Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) Zeit für die historische Tat. Ende Februar reist sie zusammen mit ihrer Kunststaatssekretärin Petra Olschowski und großem Tross nach Namibia, um die „Witbooi-Bibel“ und eine Peitsche an die Regierung zurückzugeben. 1902 sind beide Objekte als Schenkung in das Stuttgarter Linden-Museum gekommen. Nun sind sie die ersten Stücke aus dem kolonialen Erbe, die aus Baden-Württemberg den Rückweg antreten. „Für Namibia ist die Bibel von höchster symbolischer und historischer Bedeutung“, sagt Bauer. In Stuttgart war die Bibel die meiste Zeit im Lager aufbewahrt.

Aber Völkerkundemuseen leben von Ausstellungsstücken aus der Kolonialzeit. 91 Prozent der Bestände des Linden-Museums stammen aus diesen wenigen Jahrzehnten. Schon eine erste Sichtung im Forschungsprojekt „Schwieriges Erbe“ dauerte drei Jahre. Das Ergebnis: 25 000 Objekte stammen allein aus den drei Ex-Kolonien Namibia, Kamerun und Papua-Neuguinea. Mancher fürchtet nun, dass in den großen Völkerkundemuseen die Regale leergeräumt werden. „Ich sehe die Gefahr nicht“, betont Staatssekretärin Olschowski. Trotz der hohen Stückzahl handle es sich nur um einen kleinen Teil der Sammlungen: „Die Museen werden nicht leer sein.“

Vermittlung über das Internet

In vielen Museen fängt die mühsame Erforschung der Herkunft der vielen Objekte gerade erst an. Das sei mit dem Umgang der Kunstmuseen mit Raubkunst aus der NS-Zeit nicht zu vergleichen, erläutert Olschowski. Denn da hätten oft jüdische Familien konkrete Forderungen auf Rückgabe gestellt. Dagegen gebe es in den ehemaligen Kolonien kaum ein Bewusstsein, was die einstigen Herren vor mehr als hundert Jahren gestohlen oder gegen Bezahlung mitgenommen haben.

„Weil die jeweiligen Staaten gar nicht wissen, welche Objekte aus ihrer Geschichte wo sind, müssen die Museen ihre Bestände im Internet präsentieren“, verlangt Olschowski. Das sei die Voraussetzung, dass überhaupt eine Rückgabe gefordert werden kann. Danach müsste im Einzelfall geklärt werden, ob es sich um rechtmäßiges Eigentum des Museums handle. Ist das nicht der Fall, liege die Sache klar: „Bei Unrecht spielt der Wert keine Rolle.“ Trotzdem müsse jedes Einzelstück angeschaut werden, ob Privatleute oder der Staat der richtige Adressat seien. Die „Witbooi-Bibel“ zum Beispiel geht an die Regierung, obwohl sie früher in Familienbesitz war.

Ein Sonderfall sind die vielen Schädel und Gebeine, die in Universitäten und Kliniken lagern. Oft wurde an diesen Knochen Rassenforschung betrieben. Olschowski weiß um die tragischen Schicksale, die sich dahinter verbergen. Da hätten oft die Frauen die Gebeine der eigenen Ehemänner verpacken müssen. Noch heute sei das Thema mit Tränen und vielen Emotionen verbunden. „Die Hereros und die australischen Aborigines wollen ihre Ahnen in ihrer eigenen Erde bestatten“, berichtet die Staatssekretärin. Da spricht nach ihrer Ansicht nichts gegen eine unbürokratische Rückgabe.

Schwieriger ist der Umgang mit den teils wertvollen Gegenständen aus den Kolonien. Das Wissenschaftsministerium wollte – nach dem Vorbild der Regeln für NS-Raubkunst – per haushaltsrechtlicher Allgemeinverfügung eine Grundlage für die Rückgabe schaffen. „Baden-Württemberg kann und möchte bei der Aufarbeitung der Kolonialzeit und ihrer Folgen Vorreiter sein und wird hier vorangehen“, sagt Bauer. Da hat allerdings der Koalitionspartner CDU gebremst. Die Christdemokraten wollen die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe des Bundes und der Länder abwarten. „Es macht doch keinen Sinn, dass 16 Länder unterschiedliche Regelungen beschließen“, erklärt ein Sprecher der CDU-Landtagsfraktion.

Konflikt in der Koalition

Den Christdemokraten sitzt die AfD im Nacken. Deren Abgeordneter Rainer Balzer hält schon den Begriff „Raubkunst“ für falsch. Es sei „befremdlich, dass Landesvermögen verschenkt werden soll“. Die Grünen dagegen drücken aufs Tempo. „Die Museen warten dringend auf eine Entscheidung und damit eine rechtliche Absicherung“, sagt der Abgeordnete Alexander Salomon. Er wünsche sich vom Koalitionspartner „eine offensivere Rückgabe von Kolonialobjekten“.

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