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Fanatismus Traum von einer vereinten Nation verleitet den Burschenschaftler Carl Ludwig Sand zum Mord / Nach einem Jahr Untersuchungshaft hingerichtet

Bevölkerung schickt Blumen ins Gefängnis

August von Kotzebue war tödlich getroffen, doch auch der Attentäter schwer verletzt. Seine Stichwunden in die Brust hatte sich Carl Ludwig Sand selbst zugefügt: zuerst unmittelbar nach der Tat, aus der Fassung gebracht durch den vierjährigen Sohn des Opfers, der plötzlich schreiend in der Tür stand; danach eindeutig in selbstmörderischer Absicht unten auf der Straße, niederkniend mit den Worten: „Ich danke dir, Gott!“

Sand überlebte, wenngleich halbseitig gelähmt und unter Schmerzen, die ihn im Kranken- und dann Zuchthaus Mannheim nicht mehr verließen. Klaglos ertrug er sie in den Monaten der Untersuchungshaft, während er den Behörden freimütig Auskunft gab über seine Motive – ohne auch nur eine Spur von Reue erkennen zu lassen.

Seinem Ruf bei den Zeitgenossen schadete es nicht; im Gegenteil. In Mannheim schickte die Bevölkerung ihm Blumen und Erfrischungen zuhauf aufs Zimmer. Und über ganz Deutschland rollte eine Welle öffentlicher Sympathie für den edlen Jüngling, der, so die Meinung, aus lautersten Beweggründen leider zum Mörder geworden sei.

Makabrer Höhepunkt war die Jagd nach Reliquien von seiner Hinrichtung: Am 20. Mai 1820 wurde Sand, vom badischen Hofgericht zum Tode verurteilt, mit dem Schwert enthauptet. Die Richtstätte auf der Glaciswiese vor Mannheims Heidelberger Tor nahe dem Wasserturm – unweit des Zuchthauses in Q 6, in dem er ein Jahr saß – hieß im Volksmund fortan „Sands Himmelfahrtswiese“.

Fehlgeleiteter Idealismus

Zum Fanal eines revolutionären Umsturzes, wie vom Attentäter beabsichtigt, wurde die Tat dennoch nicht. Dafür sorgten rigorose politische Überwachungs- und Unterdrückungsmaßnahmen, die Österreichs Kanzler Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich im Anschluss an das Attentat im Deutschen Bund durchsetzte: das Verbot der öffentlichen schriftlichen Meinungsfreiheit, die Überwachung der Universitäten und die Zensur der Presse.

Erst in der Revolution von 1848/49 gewannen die Ideale von Carl Ludwig Sand echte politische Wirksamkeit; wenn auch damals nur vorübergehend.

Genauso berechtigt ist andererseits der Verweis auf Sand als Urbild eines mörderisch fehlgeleiteten Idealisten, mit Beispielen bis zu Andreas Baader von der Roten Armee Fraktion und den islamistischen Selbstmordattentätern der Gegenwart. Christian Hänger von der Universitätsbibliothek Mannheim jedenfalls ist bei der Vorbereitung einer aktuellen Ausstellung zum Thema der von der Literaturkritik bis vor Kurzem kaum mehr beachtete August von Kotzebue „ans Herz gewachsen“, als Gegenbild zum Fanatiker Sand.

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