Welt und Wissen

Königshaus Prinz Henry Charles Albert David von Wales und US-Schauspielerin Rachel Meghan Markle heiraten am Samstag in der St. Georgs-Kapelle in Windsor

Bezaubernde Botschafter

Die königliche Hochzeit in Windsor morgen wird von 600 Gästen in der Kirche und Millionen weltweit live am Fernsehen verfolgt. Und bis dahin sorgt die Beziehung der beiden für Gesprächsstoff.

Man darf sich vorstellen, wie sie im Palast mit den Augen rollten, als sie im Sommer 2016 von Prinz Harrys Plänen erfuhren: Eine Frau werde ihn während seiner Botswana-Reise begleiten. Schon wieder eine andere Dame, sollen sie gefeixt haben. So jedenfalls ist der Tratsch aus dem Angestelltenkreis überliefert, und das überrascht kaum. Immerhin handelte es sich bei dieser in Großbritannien lediglich den Freunden von Anwaltsserien bekannten Meghan Markle um den vierten weiblichen Gast, den der königliche Junggeselle auf seine sieben Trips in die Wildnis einlud. Tausende Kilometer entfernt von Hofetikette und Boulevardpresse im Königreich genoss das Paar Safaris, Nächte unter dem Sternenhimmel und traute Zweisamkeit.

In Botswana begann im August 2016 die Liebesgeschichte zwischen Seiner Königlichen Hoheit, Prinz Henry Charles Albert David von Wales, und der Schauspielerin Rachel Meghan Markle. Erst einmal hatten sie sich bei einem Blind Date in London getroffen, doch der Royal habe sofort gewusst, dass diese Frau die Eine, die Richtige sei, wie er später berichten sollte.

Ein neuer Stil

Morgen werden sich die beiden in Windsor das Ja-Wort geben. Die Einladungen wurden auf edlem englischen Papier verfasst und versehen mit dem königlichen Logo in Gold. Tradition bleibt eben Tradition. Gleichzeitig offenbaren die Karten auch den Bruch mit genau dieser. Nicht nur, dass die beiden bewusst die Konventionen übergehen und eine „Volkshochzeit“ wünschen, der statt Politiker unter anderem „normale“, sich der Gemeinschaft verdient gemachte Bürger beiwohnen werden. Mehr noch: Die Gäste konnten ihre Zusage auch per E-Mail schicken. Das gab es noch nie bei der Familie Windsor, wie Beobachter unentwegt betonen.

Es zeigt, wie der 33-jährige Prinz Harry und die 36 Jahre alte Meghan Markle einen neuen Stil, nämlich ihren ganz eigenen, ins altehrwürdige Adelshaus zu tragen versuchen. Dazu gehört nicht nur das unaufhörliche Händchenhalten und Zurschaustellen ihrer Zuneigung in der Öffentlichkeit – eine höchst unbritische Eigenart, außer es handelt sich um Pferde und Hunde –, sondern unter anderem die äußerst frühe Nennung von Tortenbäckerin und Blumendekoristin.

Um 12 Uhr Ortszeit, 13 Uhr in Deutschland, schließen sie in der St. Georgs-Kapelle auf Schloss Windsor vor 600 Gästen den Bund fürs Leben. Im Schloss verfolgen knapp 2000 Menschen aus dem Fußvolk die Trauung via Bildschirm.

Weniger Pomp

Nach der Zeremonie wollen die beiden, Stichwort Nähe zur Bevölkerung, in einem offenen Ascot-Lan-dauer, durch Windsor fahren, gezogen von Pferden, die Namen tragen wie Milford Haven, Storm, Plymouth und Tyrone und der Rasse Windsor Grey entstammen. Ja, es sind solche Dinge, die regelmäßig vom Palast verkündet wurden.

So durfte man auch erfahren, dass am Abend bei der von Prinz Charles gegebenen und, so wird ausdrücklich betont, bezahlten Feier auf dem Anwesen Frogmore House auf Wunsch des Paares nur 200 Gäste teilnehmen. Noch wird geputzt und geräumt, gefeilt und geschliffen in der Kapelle. Immer wieder kämen Organisatoren vom Palast vorbei mit Messstäben und Ratschlägen, erzählen die ehrenamtlichen Aufpasser. Details erfahren auch sie nicht.

Fest steht: Weniger Pomp, dafür mehr Privatsphäre soll es geben als bei der Hochzeit von Prinz William und Herzogin Catherine im Jahr 2011 in der Londoner Westminster Abbey. Das Interesse ist derweil ähnlich groß, berichtet der Kensington-Palast. Mehr als 5000 Medienvertreter aus der ganzen Welt sind für den Tag akkreditiert, rund 160 Fotografen werden sich in dem kleinen Städtchen postieren, das sich auf Tausende Besucher einstellt.

Nur wenige Meter von Schloss Windsor entfernt, auf der anderen Seite der hohen Mauer, verkauft Derek Prime gerade den Bestseller an eine italienische Touristin: eine Tasse mit dem Konterfei des Brautpaars. „Diese Hochzeit ist sehr gut fürs Geschäft“, sagt der 74-Jährige, der seit fast 60 Jahren hier Souvenirs verkauft und in all den Jahren sowohl Königin Elizabeth II. als auch ihre Mutter vor dem Laden mit dem passenden Namen „Kind and Queen“ zum Schwatz getroffen hat.

Königin durch einen Skandal

Im Schaufenster hängen Meghan-Harry-Flaggen und Geschirrhandtücher. Das Paar strahlt von Schwarzteebeutel-Büchsen und Postkarten, am Eingang empfängt ein lebensgroßer Papp-Harry neben einer lachenden Papp-Meghan.

Auch Royalist Prime freut sich über das Glück der beiden und über sein eigenes, dass das Ereignis in Windsor stattfindet. „Wir bekommen sonst ja eher die Beerdigungen ab“, sagt er. Tatsächlich sind an dem historischen Ort etliche Könige und Angehörige der königlichen Familie begraben. Prime ist ein Geschichtenerzähler. Dieser Tage enden alle bei Miss Markle und Prinz Harry sowie mit einem Satz: „Lasst uns hoffen, dass die Ehe hält.“

Er verweist auf die alten Zeiten, an die gerade besonders oft erinnert wird, wie als Beweis dafür, wie modern sich das britische Königshaus mittlerweile präsentiert. Vor 82 Jahren brachte eine geschiedene US-Amerikanerin die Monarchie zum Wanken, als sich König Edward VIII. in Wallis Simpson verliebte und ihretwegen abdankte. Sein jüngerer Bruder George bestieg den Thron – der Vater von Elizabeth II., die ohne diesen Skandal nie Königin geworden wäre.

Anders als Wallis Simpson empfing das britische Volk Rachel Meghan Markle nach anfänglichen Schwierigkeiten mit offenen Armen. Sie sei innerhalb kürzester Zeit zu einem „nationalen Symbol“ aufgestiegen, loben die Medien, und wie ihre Bald-Schwägerin, Herzogin Catherine, wird sie bereits als Stilikone gefeiert. Was immer die modebewusste Markle trägt, ist kurz darauf ausverkauft. Ist es die 36-Jährige, die mit ihrem baldigen Ehemann dem Königshaus das moderne Antlitz des 21. Jahrhunderts verleihen wird?

Immerhin, die Braut ist US-Amerikanerin, ehemalige Schauspielerin, bürgerlich und geschieden, drei Jahre älter als ihr künftiger Ehemann sowie Tochter einer afrikanisch-amerikanischen Mutter und eines weißen Vaters.

Dass die Queen ihr Einverständnis zum Bund der Ehe gab, liegt gemäß Beobachtern einerseits daran, dass Prinz Harry mittlerweile in der Thronfolge fast abgeschlagen auf Rang sechs gerückt ist – nach seinem Vater Charles, seinem Bruder William und dessen drei Kindern. Andererseits aber sende die Vermählung auch eine Botschaft an den Rest des Landes: Dass die Monarchie heute als multiethnischere und multikulturellere Institution betrachtet wird, sagt Autor Andrew Morton, der eine Biografie über Markle veröffentlicht hat. „Die königliche Familie steht als Symbol für die Nation.“

Aktivistin seit ihrer Kindheit

Morton, berühmt und berüchtigt wegen seiner Biografie über Lady Diana und deren Ehe mit Prinz Charles beziehungsweise deren Anfang vom Ende, könnte beinahe als Markle-Fanclub-Chef durchgehen, so gerät er ins Schwärmen. Sie sei „eine starke Persönlichkeit und ein Geschenk für die royale Familie“.

Morton zufolge aber viel wichtiger: Markle könne den Royals eine neue Perspektive eröffnen, nicht zuletzt, weil sie auf eine Karriere zurückblickt als Schauspielerin und Bloggerin, Aktivistin und Feministin, die sich bereits in jungen Jahren für wohltätige Zwecke engagierte. So organisierte sie etwa eine Demonstration gegen den ersten Golfkrieg, beschwerte sich als Teenagerin bei einem Unternehmen so vehement über dessen sexistische Werbung, dass dieses seine Kampagne änderte, und trat als Jugendliche einer feministischen Lobbygruppe bei.

Sie setzte sich gegen Rassismus und für Frauenrechte ein, polterte gegen US-Präsident Donald Trump und warb für die Demokratin Hillary Clinton. Ihre politischen Ansichten dürfte das baldige royale Mitglied künftig besser für sich behalten, die Leidenschaft für wohltätige Zwecke wird ihr aber als Ehefrau des Prinzen zugutekommen.

Verwandlung des Party-Prinzen

Harry erlebte in den vergangenen Jahren eine Verwandlung vom Party-Prinzen zum Posterboy. Lange Zeit verziehen ihm die Briten so ziemlich alles – Sauftouren, private Auftritte im Nazi-Kostüm oder Rangeleien mit Fotografen. Zu tief hatte sich das herzzerreißende Bild des zwölfjährigen Jungen ins Gedächtnis eingeprägt, der mit gesenktem Haupt und geballten Fäusten hinter dem Sarg seiner Mutter, Prinzessin Diana, hergelaufen war. Seinem Imagewandel half, dass er zehn Jahre in der Armee diente und währenddessen zwei Mal als Hubschrauberpilot mit den Streitkräften nach Afghanistan ging.

Schon lange engagiert sich Harry für wohltätige Zwecke, unterstützt Kriegsveteranen sowie HIV-infizierte Kinder und kämpft mit seinem Bruder Prinz William gegen das Stigma psychisch Kranker.

Ohne Berührungsängste, dafür mit Empathie erinnert er viele an Lady Di – auch in seiner Offenheit, über eigene Probleme zu sprechen, etwa dass er nur schwer den Tod der Mutter verkraftete, psychologische Behandlung in Anspruch nahm und ihn das Leben als Mitglied der königlichen Familie bedrückte. Für die gewöhnlich etwas steif erscheinenden Royals kam Harrys erfrischende Ehrlichkeit fast einer Revolution gleich.

Tradition und Moderne

„Wir leben in einer Welt der Veränderungen und großen Herausforderungen“, sagt der Königshausexperte Morton. Die Monarchie sei nie notwendiger für das moderne Großbritannien gewesen als heute, und Meghan und Harry hätten darin „eine sehr große Rolle zu erfüllen“.

Das Paar wird seinen eigenen Weg gehen, und die Hochzeit soll zwar von den Traditionen gelenkt werden, aber gemäß Palast ebenso die Persönlichkeiten von Harry und Meghan repräsentieren.

Dass der „verlorene Sohn“, wie eine Biografin ihn kürzlich nannte, nun endlich sein Liebesglück gefunden hat – die Nation könnte kaum „more delighted“, entzückter, über das Happy-End sein. Irgendwie wirkt eben doch alles ein bisschen wie im Märchen.

Zum Thema