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Kino Die Stadt Goma im Herzen des Kontinents hat sich zu einem Zentrum des afrikanischen Films entwickelt und zeigt ein ambitioniertes Programm

Bilder voller Stolz und Selbstbewusstsein

Archivartikel

Vergiss Berlin, Cannes oder Venedig – im Osten der Demokratischen Republik Kongo zeigt ein kleines internationales Filmfestival Beiträge, die sich gegen den kolonialen Blick des Westens behaupten.

Ein junger Mann erscheint auf der Leinwand. Er trägt Sonnenbrille, Zöpfe stehen senkrecht vom Kopf ab, coole Mine. Der Techniker atmet durch. Dieses Mal kann der Computer die CD mit dem Film lesen. Das ist nicht immer der Fall beim 13. Congo International Film Festival (Ciff) in Goma. Aber sei’s drum. Jetzt läuft der Streifen „Kitendi“. Regisseur Okoko Nyumbaiza ist stolz. Die Jury wird später sein Stück als bestes Werk aus der Demokratischen Republik Kongo auszeichnen.

Das weiß-blau gestreifte Zelt im Kulturzentrum Yole Africa gibt normalerweise arbeitslosen Jugendlichen Raum zum Reden. Aber an diesem Nachmittag ist Kino angesagt. Die Zuschauer auf den Plastikstühlen spitzen die Ohren. Der Stromgenerator brummt so laut, dass der Ton von „Kitendi“ manchmal untergeht. Aber allein die Bilder bringen die Leute zum Lachen.

„Kitendi“ ist Lingala, eine der vier offiziellen Landessprachen des Kongo. Es bedeutet Kleidung. Der Dokumentarfilm erzählt von jungen Männern, die lieber auf Essen verzichten als auf Anzug, Hut oder extravagante Frisuren. Sie heißen Sapeurs, abgeleitet von „société des ambianceurs et des personnes élégantes“. Hinter der „Gesellschaft der Unterhalter und gut angezogenen Personen“ steckt eine Lebenshaltung. Sie ist Kult in der Hauptstadt Kinshasa. Ihre Anhänger verdrängen Armut durch Stolz. Ihr Idol ist der verstorbene und weltbekannte Rumba-Musiker Papa Wemba.

Würdigung eines Musikers

Einem älteren Zuschauer missfällt der Film. „Diese Kleidung haben uns die Kolonialherren aufgedrückt. Wir Afrikaner tragen schöne, bunte Tücher. Wieso filmst du so etwas“, herrscht er den jungen Regisseur Nyumbaiza an. Der schweigt. Das Publikum auch. Dann sagt einer ins Brummen des Generators: „Das ist eine Hommage an unseren Weltstar Papa Wemba.“ Und der wusste: „Die Weißen haben den Anzug erfunden. Wir haben daraus Kunst gemacht.“

Festivalgründer Petna Ndaliko Katondolo schmunzelt über diesen Satz. Er hat dem Ciff dieses Jahr den Titel „peuple grand“ verliehen, großartiges Volk. „Wir lassen uns nicht lebendig begraben“, stellt er klar. Kongolesen sollen endlich über Kongolesen reden. Von den westlichen Medien hat er genug. Für sie zähle nur Krieg, Armut, Tod und Gewalt. Das hält Katondolo für einen überheblichen, kolonialen Blickwinkel. „Wer würdigt die Menschen, die Tag für Tag überleben, ihre Kinder ernähren, immer wieder aufstehen, wenn man auf ihnen herumtrampelt?“, fragt der Festivalchef.

Nie aufgeben, das ist seine Devise. So hat er vermeintlich Unmögliches wahr gemacht: ein Filmfestival in Goma, wo es kein Kino gibt und erst recht kein Geld für Kultur. Das Budget von 100 000 US-Dollar muss er von Sponsoren erbetteln. Die Hälfte steuert seine Firma Alkebu Film Productions bei. Für die Filme aus den USA und Kanada, aus Europa und aus afrikanischen Ländern müssen die Zuschauer keinen Eintritt bezahlen, nicht einmal zum Festivalauftakt auf der schicken Hotelterrasse am Kivusee.

380 Zuschauer kommen. Sie können in aller Ruhe zusehen, wie die Sonne am Horizont die Masisi-Berge in rotes Licht taucht – denn das Festival beginnt mit zwei Stunden Verspätung. Manche gehen, bevor der erste Film läuft. Vor allem weiße Gäste verlieren die Geduld. Unter ihnen sind viele Entwicklungshelfer.

Festival-Direktor Katondolo hält sie für eine moderne Art des Kolonialismus. Wer das verstehen will, sollte in die Bar gehen, wo Weiße und reiche Kongolesen einkehren. Samstagabend, Zeit für Salsakurs, für Cocktails und Flirts. Auf dem Rasen laden Liegestühle und Sitzkissen ein. Das Ciff zeigt den Film „NGO, nothing going on“. Name und Film sind eine Parodie auf die englische Abkürzung für Nichtregierungsorganisation, non governmental organization, NGO.

Der ugandische Regisseur Arnold Aganze erzählt mit viel Witz die Geschichte einer US-Ethnologin, die keine Ahnung von der Wirklichkeit in Uganda hat und sich 5000 Dollar für nicht existierende Schulkinder aus der Tasche ziehen lässt.

Die Macht der Helfer

Der Film trifft ein Lebensgefühl vieler Kongolesen. Helfer sind in ihren Augen Ignoranten, die sich ein gutes Gewissen erkaufen, die Einheimischen gängeln wollen, aber wenig zu einer besseren Zukunft beitragen. Andererseits bieten die Hilfsorganisationen Zehntausende gut bezahlte Jobs. Das verleiht ihnen Macht. Trotzdem tun sich die Chefs aus Europa oder Amerika schwer mit ihren Angestellten.

Das Grummeln zwischen Schwarz und Weiß machen sich die Machthaber im Kongo zunutze. Sie bügeln damit jede Kritik ab: „Wir lassen uns von euch nicht hineinreden.“ Das massiert die geschundene Seele etlicher Kongolesen. Endlich zeigen „wir“ es „dem Westen“.

Geschichten aus dem Alltag

Jonas Mambolo will es niemandem zeigen. Politik ist ihm so fremd wie Cocktails. Der Schüler steht vor dem Markt Majengo und reckt den Hals, damit er die Leinwand sieht. Das Ciff bringt Spektakel in seinen Stadtteil. Mehr will er nicht. Als sich im Film drei Männer prügeln, johlt die Menge. Kinder tanzen vor dem Projektor und jauchzen über ihre Schatten auf der Leinwand. Beinahe stolpert ein Lastenträger über die Kleinen. Er flucht und boxt Zuschauer zur Seite.

Das Festival ist zu den Menschen gekommen. Dorthin, wo das Leben die Geschichten schreibt, die die Welt erfahren soll.

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