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Prävention Väter sind oft die treibende Kraft bei erzwungenen Trauungen / Frühe Aufklärung schon in der Schule sehr wirksam

Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit

Archivartikel

Sie sind jung – und haben Angst. Allerdings wenden sich junge Mädchen, die möglicherweise in ihrem Heimatland schon versprochen sind, immer öfter an Lehrer oder Sozialarbeiter in der Schule. „Sie vermitteln die Mädchen samt Familie dann an uns“, erklärt Gülten Öz, Erziehungsberaterin und Mitbegründerin des Internationalen Frauen- und Familienzentrums (ifz) in Heidelberg. Seit 30 Jahren arbeitet Öz mit Müttern, Töchtern und Schwestern aus allen Schichten und Ländern zusammen und hat Positives zu melden: Zwangsheiraten sind in Heidelberg kaum mehr Thema. „Die letzte Klientin hatte ich vor drei Jahren. Das liegt auch an der guten Präventionsarbeit und den Eltern“, erklärt Öz.

Gibt es Befürchtungen, dass eine Familie ihre Tochter in den Sommerferien verheiraten will, müssen sich die Mädchen erst melden. Ist dieser Schritt getan, können die Sozialarbeiterinnen meist im Gespräch und mit Beratung die Eltern aufklären und davon abhalten. Besonders die frühe Aufklärung in der Schule helfe sehr gut, Zwangsehen zu verhindern, so Öz. Das schaffe ein gegenseitiges Verständnis zwischen Eltern und Tochter. Oftmals seien Väter bei solchen Zwangsheiraten die treibende Kraft, manche Mütter oft machtlos, weiß die Beraterin aus Erfahrung. Im ifz werden deshalb vor allem auch die Mütter gestärkt.

Junge Generation informierter

Ähnliches kann Sozialpädagogin Nazan Kapan über Mannheim berichten. Mehr als 23 Jahre lang hat sie im Stadtteil Jungbusch im Mädchentreff junge Frauen beraten und betreut. Das Heiratsalter, sagt Kapan, liege bei Betroffenen heute weit über 20 Jahren. Bei der Beratungsstelle Pro Familia weiß man: Eltern, die ihre Kinder zwangsverheiraten, sind vorsichtiger geworden. Überhaupt davon zu erfahren, sei sehr schwierig. Auch wüssten viele Mädchen längst, dass sie versprochen sind – manche fänden das sogar gut.

„Das war früher anders, da haben Mädchen relativ oft mit 16 oder 17 Jahren geheiratet“, erinnert sich Kapan, die Anfang der 1990er Jahre angefangen hatte, im Mädchentreff zu arbeiten. Dort kommen heute noch Mädchen aus mehr als 30 Nationen zusammen. Was die Sozialpädagogin hier beobachtet: Längst ist das Bildungsniveau gestiegen – sowohl bei den Mädchen als auch bei ihren Brüdern. Die neue Generation weiß mittlerweile: Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit. Unter den türkischstämmigen Frauen etwa, so Kapan, sei es heute selbstverständlich zu studieren.

Die Sozialpädagogin und ehemalige Stadträtin kennt viele Mütter, die in ihrer Jugend arrangiert geheiratet hatten. Sie haben sich mittlerweile von ihren Ehemännern scheiden lassen. „Das sind gut ausgebildete Beamtinnen oder Lehrerinnen, die sich durch Bildung ihre Selbstständigkeit erarbeitet haben.“

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